Seit 13. September 1921 existiert die Nederlandse Bachvereniging, die mit erster Sitzung im Hause Johan Schoonderbeeks alle Anstrengungen für die Darbietung Bachs Matthäus-Passion unternahm. Zwar konnte hinsichtlich eines umfassenderen Interpretationsgedankens der fast vierzig Jahre späteren Alte-Musik-Bewegung abseits der Besetzung eines Altus' noch keine große Rede von historischer Aufführungspraxis sein, doch begriff sich der Verein als Gegengewicht zur Mengelberg'schen Tradition im Amsterdamer Concertgebouw. Ostern darauf, am 14. April 1922, war es soweit, dass die Passion in Naarden erklang und seitdem eine einhundertjährige eigene Geschichte begründete. Gar mit dem Ergebnis, dort mittlerweile in den Rang des immateriellen Kulturguts erhoben worden zu sein. Ein Wochenende in Utrecht, weiterer Hauptort der sich zu einer internationalen Konzert-Gesellschaft mit professionellem Spitzenensemble und anerkannter All-of-Bach-Videomarke entwickelt habenden Vereinigung, bot nun die Gelegenheit für eine spezielle, nachträgliche Feier.

Shunske Sato
© Juri Hiensch

Beginn dieser Geburtstagsfestivitäten mit Puppentheater, gejazztem Kammermusik-Bach und der Einladung an den Schweizer Alles-Bach-Kollegen Rudolf Lutz war die von Adrian Schvarzstein betraute Inszenierung des Dramma per musica Zerreißet, zersprenget, zertrümmert die Gruft. Wie offenkundig, hielt das Werk selbst für eine Geburtstagsuntermalung her, nämlich die August Friedrich Müllers, eines coolen Professors der Uni Leipzig. Das Fest für den beliebten Gelehrten soll Göttin Athene mit Beinamen Pallas ausrichten, die allerdings befürchtet, die Party aufgrund eines Natureignisses verschieben zu müssen. Auslöser dessen ist die Ankündigung Aelous', Gott des starken Windes, bereits den August mit einem schweren Herbststurm zu überziehen. Aeolus sieht davon ab, indem ihn Zephyrus, Pomono und letztlich Athene mit Verweis auf die Bedeutung des Fests für das professorale Ansehen beschwichtigen.

Sängersolisten
© Juri Hiensch

Die Aufführung startete für das jetzige Publikum mit Betreten des Saals, als Schvarzstein im gedeckten Outfit in der Mischung aus Zirkusdirektor und Page den Diener, Arrangeur und clownesk-slapstickartigen Unterhalter machte, dem mit Tänzerin Jūratė Širvytė seine anmutige, tugendhafte Gehilfin zur Seite stand. Sie bereiteten gerade die Athene-Party vor, zu der die Unterhaltungscombo der NBV als Hip(pie)-Gruppe in kunterbunter, teils glitzernder Festgarderobe auf die Bühne trat. Zuerst die Instrumentalisten mit ihrem Popstar-Kommune-kultigen Leiter Shunske Sato, die Bachs berüchtigten Eröffnungssatz „Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten!“ als schmissiges Intro des Ankommens der Feiergesellschaft anwarfen. Sie bildete der dann hineinfindende Chor, der in freier, lebhafter, ungezwungen eleganter Manier textauftragsgemäß „die Luft erfüllte“. Schließlich stießen die Solisten dazu: mit Sopran Lucía Caihuela eine charismatische, offene, beschwingte Gastgeberin Pallas, die ihr Wesen auf dem Cembalohocker mit dem klaren, neckisch-liedhaften Ich bin nun, wie ich bin kundtat, mit Gerben van der Werf eine knallig-obstkopfbedeckte Pomono, mit Benedikt Kristjánsson ein giftgrüner Zephyrus, der mit Schmetterlingsflügeln vom unteren Rang auf die Bretter sprang, um gleich der dienstmädlichen Tänzerin zu imponieren, auf die er die „menschlichen“ Augen geworfen hatte, und mit Dietrich Henschel der Aeolus in Bürokluft (zunächst), der alles für falsch hielt.

100 Jahre Nederlandse Bachvereniging
© Juri Hiensch

Tanzte Širvytė zu den locker, seidig-galant angestimmten Beispielen Bachs Gavotte, Menuett und Courante aus dritter, vierter und erster Orchestersuite natürlich und federleicht, reizend im unterhaltend-rollentauschenden Verhältnis zu Schvarzstein und drehend kopfverdrehend in Bezug auf Zephyrus, durften auch kompositorisch-musikalische Gäste nicht fehlen. Selbstverständlich Bachs Best Buddy Telemann mit zwei Auszügen aus der Quixotte-Burlesque, dem beiläufig improvisierten „Sonnenuntergangsritt“ und dem furiosen „Windmühlenkampf“, zu dem Henschel letztlich als betrunkener, rabiater Griesgram von der Bühne ans Geländer der Zuschauersitze stürzte, um es sich da einzurichten. Und zwar im Alkoholschnarchzustand beim skurrilen Hassler-Choral Mein G'müt ist mir verwirret von der Jungfrau zart (erneut als Reminiszenz an die Matthäus-Passion), mit dem Kristjánsson einen lichten, warmen und geschmeidigen Minne gewählt hatte.

100 Jahre Nederlandse Bachvereniging
© Juri Hiensch

Versuchten Pallas & Co die peinliche Spaßbremse Aelous zum Auftakt der Kantate zurückzuholen, drehten sie vor Ausgelassenheit frei, als NBV-Orchester und -Chor zugig, elastisch wie knackig und tänzerisch flott den Titelsatz schmetterten. Die chorische Vokaltruppe zerriss dabei Papier, das es – neben freudelüsternden Würfen von Luftschlangen auf Sitznachbarn – wie feierwütige Fußballfans und studentisch-anarchische Draufmacher auf die Bühne regnen ließ, so dass Paukist Kendall gezwungen war, seine Kessel wie ein Ordner den Torraum mit einem Schirm sauber zu halten. Davon war nun Aelous aufgeladen, seine Festmahlstafel demolierende Egozentrik und partysprengenden Spott in einer One-Man-Show mit Henschels gediegen-breiterem, etwas schwerfälligem, nicht allzu aussagekräftigem Bariton zu entladen. Jene feindlichen Winde musste er bei schlechterer Balance wieder einfangen, als er sich gar von seinem entfachten Tutti des Orchesters gestört fühlte, nachdem er umgestimmt worden war. Dies war Pallas' Vedienst – hatte er sich von Pomonos Schmeicheleien des trocken-fruchtigen, zärtlichen, leiseren van der Werfs und Zephyrus' nächsten Bezirzungsgesängen Kristjánssons sanften, hinreißenden, grandios artikulierten Tenors der guten und schönen Lüfte noch unbeeindruckt gezeigt –, indem die physische Caihuela mit ihrem göttlichen, smaragdblitzenden, phrasiert-frisierten Sopran ein überzeugendes Ständchen (samt Küsschen auf Satos Wange) zur Büffetreichung (für die Schvarzstein die Wände hochkraxelte) vortrug.

Als Müller wurde der Zuschauer in der ersten Reihe der Mitte des Bühneneingangs auserkoren, tanzend aufs Parkett gezogen und mit dem Thronstuhl auf dem Tisch geehrt. Als Geschenk ein Rad Käse, so herrlich niederländisch, verrückt, originell, natürlich und jetzt eben auch sehr traditionell. Vivat August! Vivat Nederlandse Bachvereniging!

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