Dieser Artikel wurde am 23. Juni aktualisiert.

Während das Bachfest Leipzig alljährlich vom Thomanerchor eröffnet wird, und zwar mit wechselnden Programmen, die das jeweilige Motto aufgreifen, ist es beim Abschlusskonzert genau umgekehrt: Das Werk steht fest, nämlich die h-Moll-Messe, aber die Interpreten wechseln. Das diesjährige Bachfest beschlossen am 19. Juni Gäste aus Frankreich: William Christie und Les Arts Florissants, ein Ensemble, das sich vor allem mit wegweisenden Aufführungen und Einspielungen der französischen Barockoper weltweit einen Namen gemacht hat. In der Thomaskirche stand nun mit der h-Moll-Messe ein dazu sehr gegensätzliches Repertoire auf dem Programm.

William Christie und Les Arts Florissants © Gerd Mothes | Bachfest Leipzig
William Christie und Les Arts Florissants
© Gerd Mothes | Bachfest Leipzig

Schon die eröffnenden „Kyrie“-Rufe des Chores, dieser archaisch anmutende Beginn, auf den die Orchestereinleitung erst folgt, bringen eine unglaubliche Präsenz und Energie – zwei Faktoren, die die gesamte Aufführung prägen werden. Das Orchester entfaltet darauf einen schönen, stetig ziehenden Fluss in eher bewegtem Tempo. Der folgende Fugeneinsatz des Chores präsentiert herrlich schlanke Stimmen, sehr schön geführt mit eleganter Tongebung; dazu Schmelz in den Streichern und weicher, runder Bläserklang. Die üppige Verzierungspraxis weicht ein wenig von der hier sonst üblichen ab, hat einen französischen Touch und wirktefast eher zur Bühne als zur Kirche gehörig.

Das Duett Sopran-Alt gestalten Katherine Watson und Tim Mead mit ihren leichten, beweglichen Stimmen, deren Klang sich wunderbar mischt. Strahlend, mit Trompetenglanz, geradezu tänzerisch leicht eröffnet das Gloria, folgende Abschnitte werden zurückgenommen, mit großer Ruhe ausmusiziert. Wunderbar unangestrengt kommen die Koloraturenketten der Sopranarie, als eindrucksvolle Steigerung, von Trompeten überstrahlt und mit Paukenwirbel untermalt das Gratias agimus. Die zart hingetupften Flötentöne geben den verspielten Charakter des Sopran-Tenor- Duetts vor, den Katherine Watson und Reinoud Van Mechelen zauberhaft aufnehmen – und hier doch einmal den großen Operngestus auspacken.

Während William Christie die Chorsätze in heute üblicher Manier dirigiert, setzt er sich zu den Arien ans Cembalo, der alten Praxis gemäß, in der es den heutigen Dirigenten nicht gab, und leitet das musikalische Geschehen von dort aus, so auch in der Altarie „Qui sedes“, in der sich Oboe und Sänger nichts an Ausdruck schuldig bleiben. Meads Altus hat keinerlei Schärfe im Ton und passt wunderbar zum warmen Klang des Instruments. Nicht ganz so ausgewogen gestaltet sich dieses Verhältnis in der folgenden Bassarie: André Morschs Stimme geht hier leider ein wenig unter, was man zunächst noch darauf zurückführen mag, dass die Hornistin direkt neben ihm Aufstellung genommen hat. Doch in der nächsten Bassarie zeigt sich später, dass André Morsch auch ohne daneben stehendes Horn nur bedingt überzeugen kann; an die Ausdruckskraft der Bläser reicht seine Stimme nicht heran.

Der Chor Cum sancto spiritu bringt ein sehr rasches Tempo; die Fuge ist dennoch exzellent ausgeführt – da kann es dem Zuhörer fast schon ein wenig schwindlig werden. Im Confiteor klingen die Spitzentöne des Chorsoprans ein wenig spitz; an solchen Stellen sind die Knabenstimmen, für die Bach letztlich geschrieben hat, doch im Vorteil. Das Sanctus ist wieder sehr rasch genommen, es überwältigt den Zuhörer – vielleicht ein wenig zu sehr. Die beachtliche Virtuosität löst Bewunderung, nicht aber unbedingt Ergriffenheit aus.

Noch schneller eilt das Osanna vorüber. Vielleicht liegt es daran, dass die Flöte in der folgenden Tenor-Arie „Benedictus“nicht zur Ruhe findet; diese bringt erst der Sänger ins Spiel, der mit völlig unaufgesetzter, natürlicher Ausstrahlung bezaubert. Das gilt ebenso für Altus Tim Mead im Agnus Dei, der die unendliche Schönheit der Musik mit berührend schlichtem Gesang einfach wirken lässt. Das abschließende Dona nobis pacem zieht in schöner Bewegung vorüber, entfaltet aber nicht ganz diesen magischen Sog, der den Zuhörer einsaugt und mitzieht. Genau zur Friedensbitte bricht dann erstmals die Sonne durch die Fenster der Thomaskirche. Es war fraglos eine sehr virtuose Aufführung. Der meditative Charakter, der dem Werk aber auch eigen ist, kam eher weniger zum Tragen.

***11