Oft war Adriana Lecouvreur in Wien noch nicht zu sehen – 2014 wurde das Werk in der Staatsoper erstmals gespielt und die dritte Vorstellung dieser Aufführungsserie war nun auch erst der 13. Abend, an dem vergiftete Veilchen im Haus am Ring zur Mordwaffe wurden. Der Grund für die spärliche Präsenz dürfte sein, dass Francesco Cileas Oper vor allem ein klassisches Diven-Vehikel ist, das mit der Besetzung der Titelrolle steht und fällt. Mit Ermonela Jaho konnte die Wiener Staatsoper für diese Aufführungsserie nun wieder eine ideale Sopranistin aufbieten, die das Publikum für sich einzunehmen versteht.

Ermonela Jaho (Adriana Lecouvreur)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Vom ersten Moment an zog Jaho mit intensiver Bühnenpräsenz in ihren Bann, changierte gekonnt zwischen kapriziöser Diva im Theater und gefühlvoll Liebender in der Interaktion mit Maurizio und starb schließlich einen herzzerreißenden Bühnentod. Auch stimmlich passt die Rolle wie angegossen: Jahos Sopran besitzt einerseits die nötige Power für die Gefühlsausbrüche der Partie und andererseits bestechen die fein gesponnenen, schier aus dem Nichts entstehenden Piani in leuchtenden Höhen, die in ihren beiden großen Arien endlos im Saal zu schweben schienen und die in Kombination mit den durch die Stimme vermittelten Emotionen für zahlreiche Gänsehautmomente sorgten.

Elīna Garanča (Princesse de Bouillon)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Dass es gar keine gute Idee ist, der Principessa di Bouillon den Liebhaber auszuspannen, machte Elīna Garanča bereits in ihrer Auftrittsarie unmissverständlich klar, denn wer so leidenschaftlich wartet, hält naturgemäß nicht viel davon, in Freundschaft verbunden zu bleiben. Mit nuancierter Gestaltung verdeutlichte sie in ihren Szenen die zwischen Liebe und gekränktem Stolz widerstreitenden Gefühlsregungen der Figur, die Stimme loderte dabei in dramatischer Tiefe ebenso feurig wie in der strahlenden Höhe und floss wie warmes Karamell durch herrlich phrasierte Legato-Bögen. Mit vielen kleinen Details in der Darstellung – etwa in Form eines gelangweilten Blicks hinter einem Fächer, als Maurizio mal wieder von seinen Heldentaten erzählt – hauchte Garanča der Principessa zusätzlich Leben ein, sodass sie nicht bloß eine schablonenhafte Rivalin der Titelheldin blieb. Ein absolutes Highlight des Abends waren dann auch die spannungsgeladenen Konfrontationsszenen zwischen Adriana und der Principessa im zweiten und dritten Akt; sowohl stimmlich als auch darstellerisch sprühten hier die Funken und wenn Blicke töten könnten, hätte es in dieser Vorstellung vermutlich keiner vergifteten Veilchen mehr bedurft.

Elīna Garanča (Princesse de Bouillon) und Brian Jagde (Maurizio)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Angesichts der herausragenden Interpretationen von Jaho und Garanča hatte es das übrige Sängerensemble, das an diesem Abend auf der Bühne stand, nicht leicht, bleibenden Eindruck zu hinterlassen, obwohl sie ihre Sache sehr ordentlich machten: Brian Jagde gab mit gut geführtem Tenor einen virilen Maurizio und setzte dabei mehr auf dramatische Wucht als auf Feinheit, was jedoch zur Rolle des kriegerischen Helden gut passte. Erst in Anbetracht des Todes von Adriana nahm er sich vokal dann auch in etwas sanftere, emotionalere Gefilde zurück. Als Michonnet brauchte Nicola Alaimo zunächst ein wenig Anlaufzeit, im ersten Akt klang sein Bariton noch etwas forciert und spröde. Im Laufe des Abends kam seine Stimme aber immer schöner ins Strömen und vermittelte insbesondere in seiner Arie im vierten Akt warm timbrierten, väterlichen Trost. Der Chor erledigte seinen kurzen Auftritt souverän und auch die zahlreichen kleinen Rollen waren durchwegs gut besetzt; dabei sorgten insbesondere der verpeilt schmachtende Abate von Andrea Giovannini sowie Evgeny Solodovnikov, der dem Fürst von Bouillon seinen satten Bass lieh, für heitere Momente und Opernstudiomitglied Patricia Nolz ließ als Dangeville mit einem samtig timbrierten Mezzosopran aufhorchen, den man zukünftig hoffentlich auch in größeren Rollen an der Staatsoper zu hören bekommen wird.

Ermonela Jaho (Adriana Lecouvreur) und Brian Jagde (Maurizio)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Den szenischen Rahmen für das Diven-Duell bot die Inszenierung von David McVicar, die sich als Koproduktion seit gut zehn Jahren auf den Bühnen der großen Opernhäuser bewährt. Mit historischer Ausstattung bietet der Abend viel fürs Auge (etwa die von Brigitte Reiffenstuel entworfenen, traumhaften Kleider). Dank der detailreichen Personenregie und der darstellerischen Leistung des Sängerensembles wurden die Charaktere außerdem mit genug Leben gefüllt, sodass sich kein musealer Eindruck einstellte. Vom Pult aus verantwortete Asher Fisch, der relativ kurzfristig das Dirigat dieser Aufführungsserie vom ursprünglich angesetzten Omer Meir Wellber übernommen hatte, die musikalische Seite des Abends. Fischs Interpretation bestach durch elegante Raffinesse, bot sowohl sanfte Zurückhaltung als auch die volle Dosis Verismo-Feuerwerk und lief dabei trotzdem nie Gefahr, die Sänger zu sehr in Bedrängnis zu bringen oder zum Forcieren zu verleiten. Der farbenreiche Klang des Staatsopernorchesters ist ohnehin immer ein Genuss, die Musiker malten die Emotionen des Abends – von süßlich streichersatter Verliebtheit über im ganzen Orchester brodelnde Eifersucht bis hin zu sanfter Todesentrücktheit – in mannigfaltigen Facetten.

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