Schaut man in das Profil des Ensembles Al Ayre Español und seinem künstlerischen Leiter und Gründer Eduardo López Banzo, dann möchten die Musiker heutzutage spanische Barockmusik wiederentdecken und neu präsentieren, die bei ihrer Entstehung berühmt und Vorbild in ganz Europa war, dann jedoch völlig in Vergessenheit geraten ist. Alleine stehen sie damit freilich nicht, lassen doch Jordi Savall sowie viele andere Ensembles gerade in letzter Zeit famose Komponisten auferstehen und bringen neu erforschtes Material aus südeuropäischen Landen mit wunderschönen transzendenten und virtuos knackigen Stücken erfolgreich unter ein immer größeres, begeistertes Publikum.

Al Ayre Español © Bülent Kirschbaum
Al Ayre Español
© Bülent Kirschbaum

Auf dieser musikalischen Entdeckungsreise stieß López Banzo bereits in den 1990er Jahren auf José de Torres, der den meisten noch so Interessierten wirklich völlig unbekannt sein dürfte, und veröffentlichte mit Marta Almajano Solokantaten auf CD, die jetzt mit der Sopranistin Raquel Andueza revitalisiert wurden.

De Torres versuchte in der Darstellung weltlicher oder sakraler Inhalte, die hispanisch-eigene Dramatik durch Sprache und temperamentvolle Affekte mit der Anfang des 18. Jahrhunderts aufkommenden Italienisierung der Musik zu verbinden. Mit dessen zu Gehör gebrachten Werken ist es jedoch ehrlicherweise weitaus schwieriger, nun 'populär' zu sein, denn sie können mit dem gerade beschriebenen Charakter mitreißender Arien und dem Erfolgsmodell waghalsiger oder eingängiger Unterhaltungsmusik nicht mithalten.

Für den schnellen und vielleicht auch sogar nachhaltigen Effekt sind die Kantaten in ihrer sonata da chiesa-Form (Rezitativ-Arie) nicht geeignet, dabei sind sie nicht minder schön oder wurden gar unter Wert interpretiert – im Gegenteil. Es verdient große Anerkennung, auch diese musikhistorisch wichtige Stilrichtung zu beleben, wie es Al Ayre Español und Raquel Andueza leidenschaftlich getan haben. Angereichert wurden die Solokantaten-Variationen durch wunderbar passende chiesa-Sonaten in der italienischen Tradition Corellis und Händels, sodass ein mediterranes Programm erklang, in dem einem der Reichtum der verschmolzenen südeuropäischen Musikstile der Zeit zwischen 1680 und 1730 vor Augen geführt wurde.

Das Ensemble trat in der recht kleinen St. Marienkirche in solistischer Besetzung mit zwei Violinen, Cello, Bass, Laute und Cembalo auf. Dadurch war natürlich ein ungeheuer transparenter, intimer und klarer Klang gewährleistet, der das ganze Können der Solisten abverlangte und durch den ganzen Abend trug, jedoch auch die Gefahr barg, kleinste Unsauberkeiten hörbar zu machen. Bei Al Ayre Español gelangen die Stücke aber perfekt, ausbalanciert und ohne Intonationsschwächen. Die einleitenden Passacalles eines anonymen Komponisten offenbarten passenderweise ein kleines, schwungvolles Violinkonzert oder Duett zwischen erster Violine und Cello mit kräftiger Bass-Begleitung, welches Andoni Mercero blitzsauber, engagiert-tänzelnd und James Bush fabelhaft markant umsetzten.

Raquel Andueza © Bülent Kirschbaum
Raquel Andueza
© Bülent Kirschbaum
Dieser Klangfarbe entsprach auch wunderbar Raquel Anduezas klare, barock-prädestinierte Stimme mit silbrigem, angenehm-scharfem, in tieferen Lagen rauerem Timbre, mit minimal eingesetztem, gleichzeitig herrlich warmem, schnell-schwingendem Vibrato. In der ersten Santísimo-Kantate Mortales hijos de Adán entfaltete sie die musikalische Wehklage in Dynamik und Ausdruckskraft wunderbar mitleidend und expressiv, wobei sie sich im wahrsten Sinne des Wortes spielerisch leicht in die begleitenden Melodien der Violinen integrierte. In ihrer Kantate Maria en ese cielo gestaltete sie die Variationen im Dialog mit Violine und Cello noch geschmeidiger und in ihrer Differenziertheit zwischen schärferem und wärmeren Klang passend abgestimmt auf die Instrumentalisten. Zur entzückenden Besonderheit kam am Ende der ersten Kantate ein leidenschaftlich-starkes langsames Grave, was im Gegensatz zum gewohnten Alleluia-Fine steht, welches jedoch in den anderen Arien des Abends aus de Torres' Feder dann wieder gewohnt seinen Platz finden sollte.

Noch intimer geriet Raquel Anduezas dritter Einsatz, als sie solistisch und routiniert begleitet von Eduardo López Banzo am Cembalo Ay que favor intonierte und ihre Expressivität und Stimmkunst noch deutlicher unter Beweis stellen konnte. Beide Musiker präsentierten sich als eingespieltes Duo, das sichtlich Spaß an dieser Vorstellung hatte, deren Leidenschaft in gewissem Maße auf die Zuhörer übertragen werden konnte. Die Schluss-Kantate Afectos amantes stellte, mit den anderen Solisten bereichert, nochmals die temperamentvolle, feurige Stilart sowohl des Komponisten als auch der Ausführenden vor, wobei vor allem die letzten beiden Rezitative und Arien sehr griffig zum Ausdruck kamen, aber die wenigen Sechzehntel-Läufe Raquel Anduezas hier flüssiger und leichter hätten sein können.

Die eingeschobenen Sonaten Corellis und Händels meisterte Al Ayre Español virtuos. Dabei holte López Banzo noch letzte Nuancen an Dynamik und Einsatz aus seinen Solisten heraus. Besonders bei Händels Air und Bourée schien trotz des offensichtlich französischen Stils gleichzeitig ein hörbar spanischer Einfluss nicht fern zu sein.