Der Name Mario Castelnuovo-Tedesco mag vielen nur andeutungsweise bekannt sein, dennoch ist er, gemessen am Umfang seines Schaffens, ein namhafter italienischer Tonsetzer des 20. Jahrhunderts. Zum einen ist Castelnuovo-Tedesco einer der wichtigsten Gitarrenkomponisten der neueren Zeit, zum anderen war er nach seiner Ausreise in die Vereinigten Staaten zu Beginn des 2. Weltkriegs als Filmkomponist in Hollywood an etwa 200 Filmen beteiligt, hat daneben aber auch Opern, Konzerte für namhafte Künstler sowie weitere Instrumental- und Vokalmusik geschrieben.

Alessandro Marangoni © Daniele Cruciani
Alessandro Marangoni
© Daniele Cruciani

Das 1949 geschriebene Evangélion, das der Pianist Alessandro Marangoni für sein Rezital ausgesucht hat, ist sogar innerhalb Castelnuovo-Tedescos Schaffen ein Nischenprodukt, dessen geringer Bekanntheitsgrad sich auch an der kleinen Zahl von Zuhörern ablesen ließ. Einige mögen sich gedacht haben, das sei Musik für Kinder und lohne deshalb einen Besuch nicht...

In der Tat lautet der Untertitel übersetzt Die Geschichte von Jesus, für Kinder erzählt in 28 kleinen Klavierstücken. Die Charakterstücke dauern jeweils nicht mehr als vier Minuten und Castelnuovo-Tedesco bedient sich darin einer breiten Palette von Stilmitteln: Einige Stücke sind einfach gestrickt, vor allem in den ersten Teilen, deskriptiv ohne dabei plakativ-konkret zu werden. Manche sind kanonartig polyphon, andere homophon (Melodiestimme und Begleitung), wieder andere stark rhythmisch-perkussiv geprägt.

Zwar gab es Stellen, die mich entfernt an Klaviermusik von Tschaikowsky erinnerten; in anderen glaubte ich, Anklänge an Musik von Medtner oder Rachmaninow zu hören, praktisch durchwegs empfand ich die Musik jedoch als mehr motivisch denn melodisch: Castelnuovo-Tedesco arbeitet mit kurzen Melodiefragmenten. Selten fügen sich die Fragmente zu längeren, im Gedächtnis haftenden Melodien zusammen, und selbst wo sie das tun, behandelt der Komponist diese Melodie kaum als Thema, sondern fügt im Verlauf weitere Einfälle oder Motive hinzu. Die Sätze sind meist ohne erkennbare Struktur – die Stücke selbst bilden die Struktur der Komposition, gegen Ende zunehmend dramatisch (im ersten Abschnitt beispielsweise Nr.4 über das Massaker an den unschuldigen Kindern und natürlich die Kreuzigungsszenen im vierten Teil); viele wirken eher vergeistigt, in anderen drückt sich pralles Leben aus.

In Alessandro Marangonis Spiel spiegelte sich die eingehende Erfahrung mit diesem Werk – reich an dynamischen Schattierungen, von subtil bis (selten) aufbrausend, dabei immer unprätentiös, sich in den Dienst der Musik stellend, ohne virtuos wirken zu wollen, im Einklang mit seinem bescheidenen Auftreten. Man sollte bedenken, dass Evangélion für Kinder komponiert wurde, allerdings ging es hier um mehr als die nackte Musik sondern vielmehr um ein vom Pianisten gestaltetes Gesamtkunstwerk, oder zumindest einen Teilaspekt daraus.

Primär gehört zu dieser Komposition das Wort in der Form von Erzählungen nach der Bibel, von der Verkündigung bis zur Wiederauferstehung, gegliedert in vier Gruppen zu je 7 Klavierstücken: Die Kindheit, Das Leben, Die Worte, und Die Passion. Diese Kombination hat Alessandro Marangoni um den visuellen Aspekt erweitert, indem während der Musik und der Erzählung Bilder auf eine Tüll-Leinwand hinter dem Konzertflügel projiziert wurden. Das Auditorium blieb weitgehend verdunkelt, nur auf Höhe der Leinwand wurden Wände und Decke in wechselnden Farben beleuchtet und so die erwähnten vier Gruppen von Episoden / Klavierstücken markiert.

Dieses Gesamtkunstwerk hat Marangoni in Italien mehrfach mit Erfolg aufgeführt; in Zürich mussten wir leider auf das Wort verzichten, dafür konnte man sich umso mehr auf die Bilder konzentrieren. Letztere erwiesen sich denn auch als mindestens ebenso wichtig wie die Musik, oft sogar spektakulär. Der Pianist hat auf einen enormen Fundus von Bildmaterial zugegriffen, von Fotografien zu Gemälden, von Mosaiken über Glasmalerei zum Turiner Grabtuch. Es finden sich Bilder von Natur, von Auf- und Untergängen der Sonne, Bilder aus der Antike bis zu den Niederländern, von italienischer Altarmalerei über Expressionismus und Chagall zum Surrealismus, von Kunst zu billiger Heiligenmalerei.

Die Bilder wechselten alle paar Sekunden, alle waren bewegt, d.h., es waren nicht einfache Diaprojektionen, sondern Ausschnitte, die sich als Kameraschwenk langsam über das jeweilige Bild bewegten; Ausschnitte von kleinsten Details (z.B. aus Hieronymus Boschs Garten der Lüste, oder Bluttropfen auf der Haut Christi) bis zur Totale, von der Dramatisierung durch grotesk-naturalistische Gesichts- und Kopfformen der Niederländer bis hin zu idealisierten Darstellungen des Gesichtes Jesu. Ein bunter Bilderreigen, der zudem durch (intermediäre) Projektion auf dezent bewegte oder gewellte Oberflächen, oder einmal auch über Moiré-Effekte wundersam belebt wirkten. Einige der Bilder mögen für sich naiv oder trivial sein, in der logischen Abfolge waren sie es sicher nicht, sondern trugen zur Stimmung, zum Ausdruck genauso bei wie die kunstvollen Porträts der Niederländer.

Schade nur, dass der Text gefehlt hat – ideal gewesen wäre der Originaltext in Italienisch, aber auch so entstand durch das Zusammenspiel von Bild und Musik ein durchaus sehenswerter, interessanter und abwechslungsreicher Ablauf, wenngleich ich bezweifle, dass die reine Musik dieser 28 Stücke in ihrer Gesamtheit eine tragfähige Basis für ein Konzert bieten, selbst wenn sie, wie an diesem Abend, so einfühlsam und gekonnt vorgetragen wurden: Trotz der kurzen Pausen zwischen den Sätzen ergab sich im Verlauf des Werks jedoch eine eindrückliche Steigerung und Verdichtung. Mit der Einheit von Bild und Ton haben der Pianist und seine Crew eine bereichernde Konzerterfahrung ermöglicht.