Bild- und Tongewalt gibt es an diesem Abend im Großen Festspielhaus. Die Kulturvereinigung lädt zu einem Konzerterlebnis der etwas anderen Art und verwandelt den Konzertsaal kurzerhand in einen Strauss'schen Kinosaal.

Die Stuttgarter Philharmoniker © Jürgen Altmann
Die Stuttgarter Philharmoniker
© Jürgen Altmann

Die Tondichtung ist ein prägendes Genre des 19. Jahrhunderts, dem eine gewisse Thematik zu Grunde liegt und das mit Musik Geschichten erzählen soll. Deren Erbe scheint in Richard Strauss' Alpensinfonie im beginnenden 20. Jahrhundert perfektioniert worden zu sein. Es ist das musikalische Erklimmen eines Berggipfels, das der Komponist darin vertonte, und er beschreibt den Aufstieg mit allem, was mit einem Sinfonieorchester möglich ist. Dies gelang Strauss so eindrücklich, dass einem als Zuhörer schon nach wenigen Takten ganz automatisch Berglandschaften, Naturgewalt und Wetter in den Sinn kommen. Ein derart theatrales Werk benötigt daher eigentlich keine visuelle Unterstützung, doch genau das bekommt die Sinfonie in diesem Konzert.

Tobias Melle arbeitet als Musiker sowie als Fotograf und versucht genau diese beiden Dinge zu vereinen. Neben Strauss' Alpensinfonie hat er bereits Dvořáks Sinfonie aus der neuen Weltund Vivaldis Vier Jahreszeiten verbildlicht. Und so laufen die Fotoanimationen, die als „Visuals“ bezeichnet werden, auf einer großen Leinwand hinter dem Orchester. Hier kommt man auch schnell zur essentiellen Frage: Braucht ein derartig dramatisches und tonmalerisches Werk wie die Alpensinfonie wirklich Bilder, um sich zu erklären?

Richard Strauss ging nicht sparsam mit bezeichnenden Instrumenteneinsätzen um, um seine Vorstellungen einer Gipfelbesteigung zu verarbeiten. Das Grollen des Donners hört man in den Pauken, im tutti der Streicher den reißenden Fluss, und die Weiten der Alpen in den Bläsern. Man hört und kreiert ein Bild im Kopf, wobei hier natürlich jeder Zuhörer seine eigenen Erfahrungen und Impressionen mit einfließen lässt. Genau diese Eindrücke verdrängt Melle mit seinen Fotografien jedoch; überspitzt könnte man sagen, man bekäme vorgeschrieben, an was man zu denken habe. Doch sieht man einmal von diesem Aspekt ab, wird einem eine Fotoshow vom Feinsten geboten. Melle hat den Verlauf der Bilder perfekt auf die Musik abgestimmt, sogar kleinste rhythmische Phrasierungen spiegeln sich im Ablauf der Bilder wieder. Glocken tönen aus dem Orchester und werden mit dem Bild von Kühen auf einer grünen Bergwiese hinterlegt, oder es wird in ein Bild von einem weiten Tal gezoomt, während aus der Ferne die Blechbläser ertönen. Man kann sich mit diesen visuellen Eindrücken durchaus anfreunden, oder einfach die Augen schließen und der persönlichen Diashow im Kopf folgen.

Alpen mit Sonne © Tobias Melle / www.tobiasmelle.de
Alpen mit Sonne
© Tobias Melle / www.tobiasmelle.de

Für die musikalische Beschreibung der Alpensinfonie hat sich die Kulturvereinigung Dirigent Stefan Blunier und die Stuttgarter Philharmoniker geholt. Und schnell wird klar, die Musiker müssen an diesem Abend doppelt stark sein, um die Aufmerksamkeit des Publikums nicht ganz an die Leinwand zu verlieren. Blunier kostet daher besonders die klanggewaltigen Momente aus und setzt sehr auf das überaus facettenreiche Spiel seiner Bläser. Das Können des Orchesters beweisen die Musiker nicht nur am Anfang, den sie ganz im Dunkeln spielen, und behaupten sich klangschön gegen das Bildmaterial.

Bei so vielen Sinneseindrücken geht Mozarts Sinfonie in Es-Dur, die vor der Pause auf dem Programm stand, fast unter. Doch sie scheint in jederlei Hinsicht nicht als Hauptprogrammpunkt gedacht zu sein, und Blunier peitscht das Orchester förmlich durch die vier Sätze. Der Abend steht ja nicht umsonst unter dem Titel „Eine Alpensinfonie (mit Bildern)“, und auch in Salzburg kann Mozart nicht immer im Mittelpunkt stehen.

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