An Countertenöre haben sich ja die meisten mittlerweile gewöhnt oder sich zumindest mit Ihnen arrangiert, Must-Have-Arien aus bekannten Händel- und Vivaldi-Opern können auch schon mitgesungen werden und überraschen daher kaum. Wenn aber doch, dann muss etwas Besonderes passieren. Und genau dies gelingt dem hochgelobten Star-Stimmakrobat Franco Fagioli, der mit seinen ungehört individuellen Einfällen an da capo-Variationen sicheres altistisches Repertoire mit neuen Facetten, Eindrücken und Spannungen erfrischt. Begleitet vom Venice Baroque Orchestra unter Andrea Marcon (am Cembalo) zündete er in der Philharmonie Essen ein passenderweise italienisches Barockfeuerwerk.

Venice Baroque Orchestra © Matteo da Fi
Venice Baroque Orchestra
© Matteo da Fi

Nach Vivaldis Sinfonia zu La Senna Festeggiante, die das Ensemble geschmeidig und feingliedrig als Entrée intonierte, in den Allegri mit spritzigen Unisono-Streichern und fundiertem Basso Continuo, im Andante molto zugleich schmerzlich-eingehend wie nüchtern, entfaltete Franco Fagioli seine Stimme zur Kantate Cessate, omai cessate. Gleich präsent und Kontakt aufnehmend führte er mit dynamisch-emotionalem Eingangs-Rezitativ und anschließender Arie „Ah, qu'infelice sempre“ von unglückseligem Schmerz geplagten Todeswunsch mit ganzem Körper situativ, plastisch vor Augen. Untermalt von Pizzicato-Sechzehnteln der Streicher und -Achteln des Basso waren die mit Triolen und Verzierungen im wahrsten Sinne des Wortes atemraubenden, wehklagenden Seufzer in Ausbrüchen über drei Oktaven nicht nur heraushörbar, sondern mit allen Sinnen zu spüren.

Mit dem Stilmittel der wie im Winter seiner Vier Jahreszeiten kühl und scharf kratzenden Streicher leitete Vivaldi in die aus dem Erlösungsverlangen umschlagende Rachelust über, die er in finaler Arie „Nell'orrido albergo“ mit einem Schwung an rockigen Sechzehntel-Blöcken, punktierten Triller-Figuren und rhythmisch-schlagendem Continuo im forte-piano-Wechsel vertonte. So aufgedreht und aufgekratzt, Orchester und Solist phrasierten und betonten nahezu wunderbar identisch, brachte Fagioli das Publikum mit seinem halsbrecherischen Furor in Ausdruck, Tempo und stimmlicher Wachheit schon nach seinem ersten Auftritt verdientermaßen zu einer Kaskade von Jubel und Bravo-Rufen.

Mit Veracinis Ouvertüre Nr. 6 nahm das Venice Baroque Orchestra den rein instrumentalen Part wieder auf, der sich programmatisch und farblich gut mit den Gesangsstücken ergänzte. Darin ließ das Orchester aber bereits erahnen, dass es trotz allen Bemühens an diesem Abend nicht ganz an das Niveau von Fagioli heranreichte. Denn abseits lobenswerter Phrasierung mit rechter Hand der Streicher im Largo und teilweise knackig-lebendigen Basssprühens im finalen Allegro verfestigte sich der Eindruck eines in Kombination mit dem Gesangssolisten etwas unpassend zurückhaltenden, angestrengten Ensembles. So hätten alle, nicht nur die zirpenden Oboen im rhythmisch-wiegenden ersten Allegro oder luftig-leichten Finalsatz, sondern auch Fagott und Unisono-Echo-Violinen eine Portion mehr Frische, Lebendigkeit und Genauigkeit vertragen können.

Franco Fagioli
Franco Fagioli

Zu zwei Vivaldi-Arien kehrte Fagioli vor der Pause mit unverkennbar weicher, samtener Stimme auf die Bühne zurück, mit bartolieskem Vibratoreichtum, unter dem teilweise bis auf die Textverständlichkeit weder Flexibilität noch Geschwindigkeit leiden, sowie verblüffender Spritzigkeit und fließender Musikalität, entführte die Zuhörer mit „Mentre dormiaus L'Olimpiade in transzendente Sphären und verkündete mit „Nel profondo“aus Orlando furioso trotzige Zuversicht. In der ersten Arie sorgte der Countertenor, dessen Timbre sich exakt den Streichern con sordino anglich, für Momente andächtiger Stille voller Bewunderung ob schlafwandlerisch-beseelter, expressiver Extreme in klaren stimmlichen Höhen und Tiefen, Triller und vibrierender Ornamentik. Diese meisterhafte Technik bewies er auch in der zweiten, rasanten Bravur-Arie, bei der das Orchester die Fetzen nur recht brav fliegen ließ, mit Oktavsprüngen und prädestinierten kurzen, feurig-schnellen Elementen voller Spaß und Virtuosität.

Deutete sich der Unterschied zwischen Solist und Venice Baroque Orchestra bereits an, trat er im zweiten Teil zu Tage, als die Instrumentalwerke mit Händels Concerto grosso Op.3 Nr.2 und Geminianis Follia-Pendant mit einigen Intonations- und Abstimmungsproblemen nicht derart angemessen glücken sollten. Trotz schöner duettierender Phasen von Celli und Solo-Oboe im langsamen und routiniertem Spiel im mittleren Satz (Händel) sowie schroffer, zackiger Staccati, Sforzati und Schweller (Geminiani) fehlte es für mich an einem gewissen dynamischen Spirit, rhythmischer Kompaktheit und wörtlich genommener, tollkühner Wahnsinnigkeit.

Franco Fagioli zeigte schließlich, wie man ebenfalls zwei altbekannte Paradestücke aus Händels Ariodante neu, dramatisch und spannungsreich präsentieren kann. In typischer Körperhaltung, aus einer Mischung aus angewinkelten, angehobenen und ausgestreckten Armen, brachte er in „Scherza infida“ unter warm-klagendem Fagott, Bass-Pizzicati und pianissimo- bis ernstlich-streng schlagenden Streichern mit Dämpfern schicksalshafte, selbstmörderische Enttäuschung zum Ausdruck. Dramatische Crescendi und Decrescendi mit auslaufendem, verstummendem Gesang komplettierten und verstärkten den natürlichen Schmelz. Durch beschwingtes Aussingen samt dekorativster Koloristik in „Dopo notte“ sorgte Fagioli neben einem Arienfeuerwerk der Extreme für ein lieto fine dieser abendlichen Mini-Oper im Kleide eines Recitals und spannte in elegantem Ton geschickt den Bogen zum Beginn des Konzerts.