Die Essener Philharmonie wurde vom Royal Concertgebouw Orchestra regelrecht in einen Jazz Club verwandelt. Andris Nelsons schien mit seinen weiten Bewegungen Tongebilde erschaffen zu wollen, die dem Orchester wie auch letztlich dem Publikum einheizten. Die ausgelassene Stimmung nahm Jean-Yves Thibaudet auf und groovte auf dem Flügel zu Gershwins Klavierkonzert.

Andris Nelsons © Marco Borggreve
Andris Nelsons
© Marco Borggreve
Schostakowitschs Sechste Symphonie weist einige formale Besonderheiten auf und wird schon untypisch mit einem langsamen Satz eingeleitet. Andris Nelsons ließ die Symphonie und damit den Konzertabend jedoch nicht gemächlich beginnen, sondern wählte ein eher flottes Tempo, in dem die Streicher von Beginn an sehr straff spielten. Dagegen waren die Bläserpassagen in gestalterischer und rhythmischer Hinsicht freier artikuliert. Der zweite Satz strahlte in einer betont hellen Farbe und die kräftig gesetzten Akzente vermittelten den Eindruck eines wilden Galopps. Das schon zu Anfang zügig gewählte Tempo musste im finalen Presto natürlich noch einmal erheblich gesteigert werden, und somit endete die Symphonie mit einem schmissigen und vor allem fulminantem Finale.

Auch in Schostakowitschs Suite für Varieté-Orchester waren die Tempi durchwegs sehr flott. Kombiniert mit der hohen Lautstärke fühlte man sich weniger in einem klassischen Konzert als viel mehr bei einer ausgelassenen Tanzveranstaltung. Die achtsätzige Suite war an diesem Abend ausschnittsweise mit fünf Sätzen vertreten, von denen die beiden Walzer die größte musikalische Vielfalt zeigten. Dem Lyrischen Walzer wurde Rechnung getragen, indem er tatsächlich sehr poetisch und gefühlsbetont erklang. Damit hob er sich zusammen mit dem Walzer Nr.2 von den restlichen Sätzen ab, die durch einen eindringlichen Ton bestachen. Bekannt durch Stanley Kubricks Film Eyes Wide Shut gehört der Walzer Nr.2 neben Johann Strauss' Walzern zu den wohl bekanntesten. Vorsichtig schlich sich das Saxophon in den schlagenden Walzerrhythmus. Anders als nach den vorhergegangen Sätzen vielleicht zu erwarten war, blieb der Walzer ohne extravagante Ausschweifungen, sondern wurde sehr träumerisch gestaltet und die dynamische Zurückhaltung zog den Zuhörer nur umso stärker in den Bann.

Jean-Yves Thibaudet © Kasskara | Decca
Jean-Yves Thibaudet
© Kasskara | Decca
Nach Gershwins Erfolg mit der Rhapsody in Blue erhielt er den Auftrag für ein Klavierkonzert – das Concerto in F, das im Dezember 1925 vom Komponisten persönlich am Klavier in der New Yorker Carnegie Hall uraufgeführt wurde. Gershwin selbst sah darin „den jungen enthusiastischen Geist des amerikanischen Lebens“ repräsentiert. Dieser junge Geist war speziell im dritten und letzten Satz des Konzertes wahrnehmbar. Mit einem direkten Anschlag und hellem Ton ließ Jean-Yves Thibaudet den enthusiastischen Gestus spüren. Der erste Satz blieb in einem vergleichsweise gediegenem Tempo, das zuließ, jede Phrase gefühlvoll und pathetisch auszuspielen, und das besonders Thibaudet dadurch viel Raum für seine solistischen Einlagen zusprach. Sowohl Orchester als auch Solist fühlten sich fabelhaft in den jazzigen Charakter des Stückes ein; davon zeugte auch der wehmütige Ton der Trompete, der den zweiten Satz einleitet. Fast schon ironisch breit wurde diese Introduktion der Trompete gestaltet, so wie auch die großen tutti-Stellen des zweiten Satzes, die weitschweifig ausgespielt wurden. Jean-Yves Thibaudet glänzte dabei vor allem durch seine Durchschlagskraft im hohen Register und brillierte mit kernig perlendem Klang.

Andris Nelsons nahm das Essener Publikum mit auf eine unterhaltsame Reise in das 20. Jahrhundert, welche in erster Linie durch ihre flotten Tempi bestach. Jedoch gab er Jean-Yves Thibaudet gleichzeitig genügend Raum, um sein expressives Spiel voll entfalten zu können. Mit Gershwins „I've Got Rhythm“ endete der Abend beschwingt.