Das Hauptinteresse dieser Wiederaufnahme von Anna Bolena galt dem einzigen Staatsopern-Engagement von Anna Netrebko in dieser Saison und ja, dies gleich vorweg, das war ein Erlebnis. Diese Partie braucht eine Diva auf dem Höhepunkt ihrer gesanglichen und darstellerischen Kunst, und dass sie das ist, daran ließ die Netrebko an diesem Abend keinen Zweifel. Es stimmte einfach alles: die große Pose der Königin, die Wahrhaftigkeit der Verzweifelten, das Wahnhaft-Entrückte im Finale. Ob a cappella oder im Ritt auf der großen Orchesterwelle, dem Bann ihrer erotisch dunkel getönten und immer perfekt geführten Stimme konnte man sich nicht entziehen.

Anna Netrebko (Anna Bolena) und Ekaterina Semenchuk (Giovanna Seymour) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Anna Netrebko (Anna Bolena) und Ekaterina Semenchuk (Giovanna Seymour)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Nur ein einziges Mal, bei ihrem ersten Auftritt, schien sie etwas gebremst, und da erging es ihr möglicherweise wie mir, denn ich war von der Darbietung unmittelbar davor leicht erschrocken… Warum sich Ekaterina Semenchuk als Giovanna Seymour da so plagte, aber den Rest des Abends mehr als souverän bewältigte, ist eines der unerklärlichen Phänomene von Liveauftritten. Obwohl Seymour in jeder Hinsicht als Kontrast zur Titelpartie angelegt ist, zeigte sich an diesem Abend, wie reizvoll ähnliche Timbres in dieser Konstellation sein können. Das schließt auch Margarita Gritskova mit ein, die als Smeton das russische Damentrio komplettierte. Mit seinen lieblichen Melodien ist Smeton eine dankbare Rolle; da störten, wie auch bei Ekaterina Semenchuk, ein oder zwei suboptimale Spitzentöne den Gesamteindruck nicht.

Auch von den Herren kann Erfreuliches berichtet werden, wobei die Leistung von Luca Pisaroni  als Enrico VIII besonders hervorzuheben ist. Alles, was dieser König zu singen (und sagen) hat, muss Gewicht haben, und dafür ist Pisaronis durchgängig saubere Diktion ideal. Mit seiner Musikalität schafft er auch den Spagat zwischen dem leidenschaftlichen Mann, der die zögerliche Seymour geradezu hypnotisiert, und dem polternden Despoten. Da er zusätzlich ein begnadeter Darsteller ist, fällt bei ihm ebenso wenig wie bei den Damen auf, dass Personenführung in Eric Génovèses Regie so gut wie nicht stattfindet.

Anna Netrebko (Anna Bolena) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Anna Netrebko (Anna Bolena)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Ein schauspielerisch weniger Talentierter wie Celso Albelo (Riccardo Percy) hätte jedoch den einen oder anderen Hinweis gebraucht; etwa, dass die Weigerung eines Königs, sich die Hand küssen zu lassen, wohl einigen Schrecken hervorrufen sollte. Gesanglich gelang Albelo dafür alles, wenn auch die Spitzentöne mit großem Druck gestemmt wurden und keine Verbindung zum Rest aufwiesen. Das hinderte jedoch einen Großteil des Publikums nicht, diese heftig zu bejubeln.

Zu dem, was an diesem Abend ihm Graben vor sich ging, könnte ich wiederholen, was ich schon in meiner Rezension zu Roberto Devereux geschrieben habe. Kurz zusammengefasst: Die Zeiten, da Wien einmal Epizentrum des Rossinifiebers und Donizettitaumels war, sind natürlich lang vorbei, doch trotz des Staraufgebots auf der Bühne war das Staatsopernorchester bei Weitem nicht so motiviert wie Dirigent Andrey Yurkevych und schien geradezu gleichgültig. Beim Chor dürfte sich das bereits erwähnte Fehlen einer adäquaten Bühnenregie (wann wohin?) ins Musikalische übertragen haben, denn dessen Leistung war ungewohnt blass und die Inszenierung kaum bunter. Immerhin darf man sich in dem grauen Allerweltsbühnenbild, in dem man genauso gut Fidelio geben könnte, über Samt und irisierende Seide an den Damen sowie schicke Lederhosen an Herrn Pisaroni freuen (Kostüme: Luisa Spinatelli ).

Luca Pisaroni (Enrico VIII.) und Anna Netrebko (Anna Bolena) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Luca Pisaroni (Enrico VIII.) und Anna Netrebko (Anna Bolena)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Die einzige Regie-Idee, die zum Drama tatsächlich beiträgt, ist der Auftritt der kleinen Tochter Annas, der späteren Elizabeth I., im Finale, denn er verdeutlicht die persönliche Katastrophe. Das ist aber leider recht wenig – denn (auch) dieses Werk verdient Besseres. Schließlich hat @composer:Donizett mit Anna Bolena den perfekten Prototyp der Belcanto-Tragödie geschaffen, die für die Protagonistin mit Wahn, Tod oder beidem endet, auch wenn in der Musik noch vieles auf Rossini zurückverweist, der, obwohl kaum 6 Jahre älter, gegenüber Donizetti als „Altmeister“ galt und 1829 mit Guillaume Tell (nur ein Jahr vor der Uraufführung von Anna Bolena) bereits seinen Abschied vom Opernkomponieren genommen hatte.

Anna Bolena war von Beginn an ein großer und anhaltender Erfolg, wenn auch die Wiener Staatsoper dieses Werk 2011 erstmals auf den Spielplan setzte. Diese Beliebtheit erklärt sich auch zu einem großen Teil dem dramaturgisch geschickt aufgebauten Libretto von Felice Romani, das Donizetti offenbar inspirierte. Denn die Kunst wäre keine Kunst, hätte sie nicht auch den größten Dramen, die das Leben schreibt, noch das gewisse Etwas hinzuzufügen. Einer der vielen Kunstgriffe in Anna Bolena besteht etwa in der bösen Ironie, dass Henry Percy, der die Figur des romantischen Liebhabers in der Oper inspirierte, im abgekarteten Prozess gegen Anne Boleyn nicht Beschuldigter war, sondern als Zeuge (falsch) aussagen musste, und an dieser Aufgabe verzweifelte: Er brach zusammen und musste aus dem Gerichtssaal gebracht werden.

Das Urteil über diesen Abend: Wann wünschte sich mehr Ernsthaftigkeit im Orchestergraben, doch Anna Netrebko und Luca Pisaroni brillierten. Davon möchte man gerne mehr.

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