Anna Vinnitskaya gab ihr Debüt im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie mit einem anspruchsvollen und wohl gelungenen Recital. Zu Beginn stand Sergej Prokofjews Klaviersonate Nr. 4 in c-Moll, die er seinem Freund Maximilian Schmidthof, welcher sich 1913 das Leben nahm, widmete. Vermutlich aus diesem Grund ist die Sonate für Prokofjew ungewöhnlich düster und beginnt mit einem um wenige Motive kreisenden Allegro molto sostenuto, das nichts von der perkussiven Leichtigkeit sonstiger Werke Prokofjews hat.

Anna Vinnitskaya © Marco Borggreve
Anna Vinnitskaya
© Marco Borggreve

Anna Vinnitskaya begann hochkonzentriert und gestaltete den ersten Satz introvertiert und ernsthaft. Sie gab dem Werk trotz seines passagenweise suchenden Charakters einen klaren architektonischen Rahmen dank fein differenzierter Phrasierungen und ihrer unbestechlichen Intuition für metrische Schwerpunkte. Das Andante Assai beginnt mit fast bedrohlich wirkenden Alberti-Bässen. Vinnitskaja gestaltete auch diesen Satz vorzüglich mit der richtigen Balance aus lyrisch sanglicher Nachdenklichkeit und einem stets vorwärtsschreitenden Duktus, wie es der Tempobezeichnung angemessenen ist. Trotz der zahlreichen Motivwiederholungen zog sie ihr Publikum vom ersten bis zum letzten Takt in den Bann der musikalischen Semantik und fiel zu keinem Zeitpunkt der Monotonie anheim. Man verstand unmittelbar, warum der Mittelsatz der vierten Sonate Sergej Prokofjews von seinen Zeitgenossen hoch gerühmt wurde. Insbesondere von Dimitri Kabalewski ist überliefert, dass er gerade dieses Stück über alles schätzte. Im letzten und eher heiteren Satz blitzte die Sonne durch den wolkenverhangenen Himmel, aber nie ausgelassen oder gar verspielt.

Es folgte ein Block von Werken des französischen Jahrhundertwendekomponisten Claude Debussy. Die kluge Programmwahl der russischen Ausnahmekünstlerin, die 2007 den 1. Preis beim Concours Musical Reine Elisabeth gewonnen hatte, offenbarte sich in der Zusammenstellung und insbesondere der Reihenfolge der nun folgenden Stücke. Vinnitskaya begann mit dem Prélude „Des Pas sur la neige“. Nach Prokofjews düsterem Abgesang auf seinen toten Freund streichelte die Pianistin die Seelen ihrer Zuhörer mit diesem ruhigen und meditativen Stimmungsbild, wobei es ihr zugleich in exquisiter Weise gelang, das feine Thema aus dem wuchtigen Konzertflügel zu ziselieren. Es folgte das Prélude „Ce qu’a vu le vent d’ouest“, das Vinnitskaya zwar immer noch zurückhaltend, aber mit dem nötigen Biss spielte. „La Fille aux cheveux de lin“ ist zweifelsohne das bekannteste Debussy Prélude und bildete einen perfekten Übergang zu den ausgewählten Stücken aus dem Heft II der Präludienbücher. Wiederum spielte Vinnitskaya klar, mit edlem Ton, streckenweise aber etwas zu vordergründig und direkt. Besonders auffällig war wie auch im späteren Verlauf des Konzerts neben Vinnitskayas makelloser Anschlagstechnik auch der wohldosierte Einsatz der Pedale.

Es folgte „La Terrasse des audiences du clair de lune“. Wenn man denn etwas kritisieren möchte, dann allenfalls, dass auch hier ein wenig mehr Mystik die ansonsten verblüffende Vielfalt der Farben und differenzierten klanglichen Abschattierungen Vinnitskayas vollendet hätte. Technisch ist sie dazu zweifelsohne in der Lage, und so lag es vermutlich an ihrem naturgewaltigen Gestaltungswillen, dass sie in der klanglichen Gestaltung keine Zweifel offen ließ. Das äußerst diffizile Prélude „Feux d’artifice“ geriet wahrhaftig zum Feuerwerk beeindruckender Technik und Fingerfertigkeit gepaart mit brillanter Präzision. Die langsamen Passagen spielte Vinnitskaya äußerst konzentriert und in sich gekehrt. Beim abschließenden Stück „L'Isle joyeuse“ seien vor allem die Oktavarpeggi im Mittelteil erwähnt, welche Vinnitskaya grandios gelangen.

Nach der Pause beglückte Anna Vinnitskaya ihr Publikum mit den 24 Preludes von Fryderyk Chopin. Insgesamt lieferte sie eine überzeugende Interpretation sowohl der einzelnen Präludien als auch des Zyklus in seiner Gesamtheit, wenn auch mit einigen Einschränkungen. Besonders die Tempi der kleinen feinen lyrischen Einwürfe waren meist zu rasch. Auch das Prélude Nr. 7, das wie ein kleines Intermezzo daherkommt, hätte Vinnitskaya mehr zelebrieren können und vergab so die Chance, eine architektonische Klammer zu bilden und zur Ruhe zu kommen vor dem aufwühlenden Achten Prélude. Gleiches gilt für das wunderbar changierende Zehnte Prélude, das selbst nicht weiß, ob es eher Antwort oder Frage ist.

Die Genialität des Gesamtzyklus der Chopin’schen Préludes lebt ja gerade von diesen Gegensätzen aus leichtfüßigen Fingerübungen, lyrischen Kleinoden und bedeutungsschweren epischen Exklamationen. Vinnitskaya fehlte leider manchmal die Gelassenheit, die kleinen Intermezzi dem Publikum einfach nur so hinzuwerfen, ohne selbst zu viel zu wollen. Das Thema des Prélude Nr. 14 wurde selten so überzeugend herausgearbeitet wie an diesem Abend und die Vorfreude war groß auf Prélude Nr. 15, das berühmte so genannte Regentropfen-Prélude. Wiederum spielte Vinnitskaya zu schnell, passagenweise fast hastig. Den folgenden Préludes verlieh die Pianistin die richtige Mischung aus perlendem brillantem Diskant und klarer Struktur, und das abschließende Prélude Nr. 24, das fast der erste Satz einer Klaviersonate sein könnte, interpretierte Vinnitskaya makellos und stilsicher. Die Einleitung zur Coda erklang technisch perfekt und bedrohlich klirrend, bevor Vinnitskaya noch einmal höchste Spannung aufbaute bis zu den dunkel dröhnenden Bässen, die mit ihrem metallischen Trotz die würdigen Schlusspunkte eines beeindruckenden Klavierabends bildeten.

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