Auf dem MaerzMusik-Festival für Zeitfragen in Berlin hatte im Frühjahr die Uraufführung von mirgrants des griechisch-französischen Komponisten Georges Aperghis stattgefunden. Das Ensemble Resonanz aus Hamburg, eines der vielseitigsten und experimentierfreudigsten demokratisch selbstbestimmten Kammerorchester in Europa, hatte Aperghis getroffen und mit ihm über eine mögliche Auftragskomposition gesprochen. Im Laufe dieses Gespräches überzeugte Aperghis die Ensemblemitglieder von der Idee eines größeren Projektes, welche neben einer neuen Komposition die Bearbeitung eines Werkes von Janáček vorsah, eines Komponisten den sowohl er als auch das Ensemble sehr bewunderten.

Emilio Pomàrico © Astrid Ackermann
Emilio Pomàrico
© Astrid Ackermann

Aperghis wollte angesichts der Flüchtlingsschicksale, die sich gegenwärtig in Europa und an seinen Küsten abspielen, nicht nur an die Toten erinnern, „sondern auch den Lebenden ein Gesicht geben, die ohne Identität, nicht länger als lebend erkennbar, durch Europa wandern“. Die Aufführung eines neuen Werkes von Aperghis sollte als Einheit mit einer Bearbeitung des Liederzyklus Tagebuch eines Verschollenen von Leoš Janáček kombiniert werden, um dem Thema mehr Wirkungskraft zu geben. Das Ensemble Resonanz war von dieser Idee begeistert und beauftragte Johannes Schöllhorn mit der Bearbeitung der sehr autobiografischen Partitur Janáčeks für zwei Frauenstimmen, Klavier, Harfe, drei Schlagzeuger und Streicher, derselben Besetzung (bis auf die Harfe), die Aperghis für migrants gewählt hatte. Ursprünglich sollten beide Stücke ineinander verflochten aufgeführt werden. Es wurde aber schließlich entschieden, um beide Stücke ohne Pause ineinander übergehen zu lassen. An diesem Abend dirigierte der Artist in Residence des Ensemble Resonanz Emilio Pomàrico mit der polnischen Sopranistin Agata Zubel, (auch eine erfolgreiche zeitgenössische Komponistin) und  der aus der Ukraine stammenden Mezzosopranistin Christina Daletska. Das Programm wurde unter dem Titel „disappearances“ auch in Hamburg, Wien und Luxemburg aufgeführt.

Ensemble Resonanz © Tobias Schult
Ensemble Resonanz
© Tobias Schult

Aperghis komponierte seine Musik unabhängig von dem von ihm gewählten Text dreier sehr bildhafter Ausschnitte aus Joseph Conrads Heart of Darkness (1899). Im Orchester wurde zu Anfang des Stückes ein viellagiger Geräuschteppich gewebt. Aperghis hatte für die Streicher verschiedenfarbige Motive ähnlicher Textur komponiert, die er polyphon ineinander verarbeitete, was das Hörerlebnis zu einer Entdeckungsreise mit ganz unterschiedlichen Eindrücken und Erfahrungen machte. Die Schlagzeuger benutzten unter anderem eine mit Steinen gefüllte Metalltrommel, die einen ganz unnachahmlichen beunruhigenden Höreindruck hinterließ. Das von den vorangegangenen spätromantischen Klängen Janáčeks verwöhnte Ohr musste sich erst an die Irritationen der Kratz- und Schabeklänge und den teilweise extrem hohen Tönen gewöhnen. Das Thema des Abends, „Verschwinden“, erreichte hiermit nach den herzergreifenden Texten aus dem Tagebuch eine neue Eskalationsstufe. Conrads Text wurde von den Sängerinnen mit deutlich hörbarem Akzent ausschließlich rezitiert. Im ersten Satz begann Zubel mit den Worten „They were dying slowly“. Die Rezitative wirkten befremdlich, hielten Emotionen auf Abstand und unterbreiteten die politische Dringlichkeit der aktuellen Flüchtlingskatastrophe dem Publikum auf eine distanzierte Art. Daletska sang in einer Fantasiesprache Wortfetzen, deren Unverständlichkeit die Hilflosigkeit der ins Nirgendwo Flüchtenden ergreifend echt umschrieb. Die anspruchsvollen Klänge, die das Ensemble dazu erzeugte, waren Versuche, sich musikalisch über Unsagbares zu äußern. Sie erhöhten in ihrer Sperrigkeit das Unbehagen umso mehr, da sich angesichts der nicht nachlassenden alltäglichen Grausamkeit das Thema zwar verdrängen, aber keineswegs eliminieren lässt.  

In Amsterdam fehlte der gesellschaftskritische Kontext zu diesem anspruchsvollen Musikprojekt. In Hamburg hatte es im Vorfeld ins Thema einführende Lesungen in Zusammenarbeit mit dem Thalia Theater gegeben, in Luxemburg war ein Interview mit dem Komponisten Johannes Schöllhorn geplant. Die Amsterdamer Werkeinführung mit dem Manager des Ensemble Resonanz konzentrierte zu sehr auf die Beschreibung des Entstehungsprozess, ohne explizit auf die Schwierigkeit von politisch motivierten Kompositionen einzugehen. Damit wurde das Publikum mit einem Gesamtkunstwerk konfrontiert, welches vor allem in der Bearbeitung des Meisterwerkes von Leoš Janáček einige Fragen aufwarf. Zubel sang die ursprünglich für Tenor geschriebene Partitur mit heller, wendbarer Stimme und überzeugte mit bravouröser Technik auf Detailniveau, auf dem sie eine enorme Bandbreite von Klangfarben zu erzeugen vermochte. Die Orchestrierung von Schöllhorn legte in ihrer Klangvielfalt eine neue Dimension über Musik und Text. In der Interpretation des Tagebuchs als „Gleichnis auf das Nomadische“ (Schöllhorn) wurde Janáčeks Musik entfremdet und ging ganz anders unter die Haut als im Original. Ein aggressives Xylophonsolo hier, ein Einsatz von Pauken und Schlagzeug da: so wurde an der spätromantischen Tonsprache gezündelt und setzte die expressiven Gesangspartien in ein beinahe  gespenstisches Licht. Pomàrico hielt vor allem die Streicher sehr zurück; so war man zwar sicher beeindruckt vom musikalischen Können auf der Bühne, aber nicht überwältigt. Als würde man die Naturgewalt des Mondes am nächtlichen Himmel zu einem angeleuchteten Dekorstück reduzieren. Genau dieses schmerzliche Vermissen von echter Gefühlstiefe blieb nach Abschluss dieses kühnen Konzertexperiments haften und hinterließ überraschenderweise einen sehr nachhaltigen Eindruck.

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