Im Herbst diesen Jahres werden es 100 Jahre sein, seitdem Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal den Rettungsversuch ihres gemeinsamen Werkes Ariadne auf Naxos an der Wiener Staatsoper unternommen haben. Nachdem die erste Fassung der Oper mit einem vorangestellten Schauspiel als Hybrid in Stuttgart vollkommen durchgefallen war, schuf Hofmannsthal zur Oper ein Vorspiel, dass das Durcheinander auf der Bühne der tragischen Oper erklären sollte. In dieser Fassung trat die neugeschaffene Oper einen beispiellosen Siegeszug um die Welt an, für die aber gelten muss, dass diese nicht einfacher geworden ist. Die mit zahlreichen Einspringern und Rollendebütanten besetzte Vorstellungsserie an der Wiener Staatsoper machte dies nur allzu deutlich klar.

Gun-Brit Barkmin (Ariadne) und Jochen Schmeckenbecher (Musiklehrer) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Gun-Brit Barkmin (Ariadne) und Jochen Schmeckenbecher (Musiklehrer)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Sieht man einmal von einigen spieltechnischen Hackern und von dem ein oder anderen Tempokonflikt im Orchestergraben ab, so hat das Orchester der Wiener Staatsoper unter Cornelius Meister wieder einmal bewiesen, dass ihm Ariadne auf Naxos nicht nur viel Freude macht, sondern dass die Musiker die Partitur auch hervorragend beherrschen. Mit einem farbenprächtigen Spiel, das seine großen Momente in den kammermusikalischen Soli hatte, konnten sie den Hörer nach einer etwas raschen Ouvertüre recht schnell für sich einnehmen.


Dem Personal auf der Bühne gelang dies leider nicht immer so. Dies lag aber nicht nur an den Einzelleistungen, sondern wohl auch an der Regie Sven-Eric Bechtolfs, der es etwas an Phantasie mangelt und die sich mit Schenkelklopfern über Wasser hält, sowie an dem akustisch nicht idealen Bühnenbild Rolf Glittenbergs. Unterstützt durch den in Textur etwas rauen Musiklehrer Jochen Schmeckenbecher, den herrlich pointierten Norbert Ernst als tuntigen Tanzmeister und einen sublimen Peter Matić in der Sprechrolle des Haushofmeisters konnte vor allem die Neu-Kammersängerin Sophie Koch im Vorspiel ihre Talente als Komponist ausspielen. Sie hat einfach alles, was zu dieser Rolle gehört und schreckt auch nicht vor den Spitzentönen und langen Legatobögen dieser Partie zurück. Einzig an Wortdeutlichkeit schien es ihr an diesem Abend etwas zu mangeln.

Wortdeutlichkeit pur und dazu noch feinsinnigen Schöngesang lieferte die für die erkrankte Krassimira Stoyanova eingesprungene Gun-Brit Barkmin als Ariadne. Stark wirkte ihre Interpretation vor allem in den herrlichen Piano-Passagen, die diese Partie bereithält. Wirklich anrührend gelang ihr die Arien „Ein Schönes war's“ und „Es gibt ein Reich“. Hier konnte sie vor allem auch zeigen konnte, dass sie keine Angst vor den tiefen Tönen des „Totenreichs“ haben muss.

Leider konnte ihr Bacchus an diesem Abend da nicht mithalten. Gerhard A. Siegel hat sich als glänzender Mime und Herodes international etabliert; nach starken Momenten im Vorspiel musste er sich als junger Gott den großen Schwierigkeiten, mit denen diese Partie aufwartet, bereits bei den ersten Spitzentönen geschlagen geben. Den Rest der Partie quälte er sich mit teilweise nur halber Kraft und mühevollem Markieren durch und verzichtete beim Applaus auch auf seinen obligatorischen Solovorhang.

Sophie Koch (Komponist) und Hila Fahima (Zerbinetta) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Sophie Koch (Komponist) und Hila Fahima (Zerbinetta)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Als kleine Überraschung erwies sich hingegen die zweite Einspringerin des Abends. Hila Fahima, die die Rolle der Zerbinetta von Staatsopernliebling Daniela Fally übernommen hatte, zeichnete eine für ein Rollendebüt sehr gute Figur der Anführerin der Komödiantentruppe, die mit einem souverän agierenden Manuel Walser auch einen neuen Harlekin dazugewonnen hatte. Sicher wird Fahima an dieser Rolle noch arbeiten müssen, um eine wirkliche Zerbinetta zu werden, aber den ersten Schritt dazu hat sie mit ihrem vom Publikum gefeierten Auftritt getan.

Abschließend sei noch ein Wort zu dem im Opernteil nicht ganz unwesentlichen Terzett der Nymphen verloren. Die Regie und auch ihre Kostüme, die an Varieté-Tänzerinnen erinnern, machten ihnen den Abend schon nicht leicht. Leider war dies auch hörbar, da hier zwar drei starke, aber eben zu starke Stimmen agierten. Gerade die eigentlich besonders berührenden Terzettstellen kamen an diesem Opernabend allzu rau, sodass eine sentimentale Stimmung nicht aufkommen mochte. Alles in allem also eine solide Repertoirevorstellung mit einigen Schwächen. Ein Fest zum Uraufführungsjubliäum hätte man sich anders vorgestellt; vielleicht gelingen aber die drei Folgevorstellungen etwas routinierter.