So wie jeder Italiener eine Pizza backen kann, weiß in Lettland jeder zu singen: das Bonmot der Mezzosopranistin Elīna Garanča über ihre Landsleute lässt sich auch auf die Einwohner der baltischen Nachbarstaaten übertragen. 1918 befreite sich Estland von der russischen Zarenherrschaft, und die bis dahin von Volksweisen geprägte nationale Musik bekam durch Heino Eller einen ersten, über die Grenzen hinaus bekannten nationalen Komponisten symphonischer Musik. Zu seinen Schülern zählte der 1935 geborene Arvo Pärt, der – im inzwischen der Sowjetunion unterstellten Land – sein Brot mit Kinderkantaten und Filmmusik verdiente. Radikal moderne Werke, auch der Zwölftonmusik, und religiöse Schöpfungen machten ihn den Machthabern suspekt; so konnte er 1981 in den Westen emigrieren, wo seine Klangsprache viele Komponisten zeitgenössischer Musik zu einem völlig neuen musikalischen Gefühlsausdruck inspirierte.

Sinfonietta Rīga mit Sigvards Kļava © Julia Milberger
Sinfonietta Rīga mit Sigvards Kļava
© Julia Milberger

Es ist ein sehr wichtiger Aspekt des diesjährigen Kissinger Sommers, mit der Erinnerung an den Aufbruch 1918 auch der Musik des Baltikums breiten Raum zu geben. Gerade Chormusik war dort 1991 wieder Teil der unerwarteten „singenden Revolution“ in der erneuten Loslösung aus dem Sowjetreich und der friedlichen Freiheitsbewegung. Im Motto „Ein einziger Ton“ füllte Arvo Pärts orchestrales Werk einzigartig den Konzertabend, wurden Kompositionen aus fünf Jahrzehnten zur Symphonie seines Lebens.

Für Pärts Würdigung standen mit der Sinfonietta Rīga, dem Chor des lettischen Rundfunks und seinem Leiter Sigvards Kļava exzellente Partner bereit, die bereits in Uraufführungen Pärt'scher Werke die enge Verbundenheit mit dem musikalischen Nachbarn gezeigt hatten. Den Auftakt machten Chor und Orchester mit Solfeggio, einer aus der Notenlehre abgeleitete Tonfolge auf den Wortsilben Do-Re-Mi einer C-dur-Tonleiter mit Tonsprüngen wechselnder Schwierigkeit. Was auf dem Notenblatt elementar aussieht, ist durch Transponierungen zu Dissonanzen intonationsmäßig anspruchsvoll. Die Interpretation durch die Rigenser Musiker bekam die beabsichtigte Einfachheit im Klang, ließ den Hörer sich wundern, was Pärt 1963 dem Umfeld disharmonischer Moderne entgegenzusetzen wagte.

Kultstatus haben die unterschiedlichen Bearbeitungen von Fratres bekommen, die Pärt ab 1977 veröffentlichte. Ein durchlaufender Grundton, ein immer wieder Impulse gebender Schlagzeug-Rhythmus und ein dreistimmiges mehrtaktikes Thema sind die Zutaten zu einem litaneiartigen Satzaufbau, der mit minimalen harmonischen Verästelungen scheinbar eine Musik der Statik präsentiert, wie im Rhythmus eines unerbittlichen Uhrwerks fortschreitende Gesten und Motivänderungen formuliert. Aus dem Nichts beginnend ließ Kļava mit den Streichern in radikalem Understatement die Musik immer fordernder ausschwingen, baute auf die suggestive Kraft der wiederholten Motivzellen und ließ – wie in ausklingendem Glockengeläut – die Klanglitanei verstummen: große eindrucksvolle Momente, die die Streicher auch in Silouan's Song wie ein Gebet ohne Unterlass, wie die Sehnsucht der Seele nach Gott vortrugen. Die Assoziation des Glöckchenspiels führte zum lateinischen Stilbegriff Tintinnabulum, der seit langem Pärts Kompositionsstil charakterisiert.

Mit dem 1913 von Max Littmann im Regentenbau entworfenen Saal steht den Künstlern vom Kissinger Sommer optisch wie akustisch ein Kleinod zur Verfügung, das selbst Manuel Brug, Kulturjounalist der Tageszeitung Welt, zu den fünf schönsten Konzertsälen der Welt zählt. Vom Grundriss wie eine Schuhschachtel geformt wird durch eine vollständige Auskleidung mit Kirsch- und Ebenholz sowie eine freischwingend im Dachstuhl aufgehängte Kassettendecke eine optimale Klangresonanz erreicht, von der viele internationale Stars schwärmen. In dieser vom Raum gegebenen perfekten Durchhörbarkeit musikalischer Struktur stellten Kļava und seine Musiker Pärts großes Salve Regina vor, das 2002 als Auftragswerk im Essener Dom uraufgeführt worden war. Die Hymne an die Jungfrau Maria begann wie eine langsame Prozession, unisono im Chor, nahm in leichtem, fast tänzerischem 3/4-Takt mehr Bewegung auf, erreichte in strahlendem Forte von faszinierendem Chor und Orchester bezwingende Mehrstimmigkeit. Diese verklang wieder im Ritardando, das durch den Einsatz einer Celesta zur Sphärenmusik wurde und an die Himmelskönigin in Ave Maris Stella denken ließ.

Adam's Lament von 2012 fußt auf mystischen Schriften des Mönchs Siluan von Athos, der Adams Klage über den Verlust des Paradieses beschreibt. Für Pärt ist Adam nicht nur Individuum, sondern Sammelbegriff für die Menschheit, in ihren sozialen und konfessionellen Tragödien, in persönlicher Schuld wie kollektiver Verzweiflung. Ein Forte-Einsatz am Anfang, dem dann über den tiefen Orgelton der Celli die Erzählung des Chors folgte, der konzentriert und tonschön wie aus einer dunklen Versenkung aufstrahlend, den Gesang des Siluan wiedergab. Impulsiv, ja rau unterstrich das Orchester mit kraftvollen Harmonien den Schmerz, umspielte mit samtiger Monotonie die spirituell-hypnotische Askese. Ein einziger Ton – die Größe von Pärts Kompositionen liegt nicht mehr im Volumen oder der Vielzahl von Klängen und Reizen, sondern in der Reduktion zur Einzahl und atomar-musikalischer Struktur seines Werks.

Sigvards Kļava bedankte sich beim begeisterten Publikum mit einem estnischen Wiegenlied, das einen weiteren, im Konzert zu kurz gekommenen Charakterzug von Pärts Schaffen offenbarte: die Leichtigkeit eines simplen Kinderlieds, mit dem die Chordamen, ein Lächeln auf den Gesichtern, die überraschten Zuhörer verzauberten: diesem heiterem Arvo Pärt hätte man gern noch länger gelauscht!