Das Chiaroscuro Quartett ist wohl immer noch eine Art Geheimtipp – wie anders ist zu erklären, dass die Kirche St.Peter an diesem Sonntagnachmittag nur mäßig besetzt war? „Selber schuld!” könnte man den Abwesenden sagen. Verpasst haben diese nach einem Einstieg mit drei Fugen aus Bachs Kunst der Fuge das Zweite Quartett von Beethoven, sowie das Erste von Mendelssohn. Was die Anwesenden hingegen kaum gehört haben, ist das noch immer übliche, ubiquitäre Vibrato; doch dazu gleich mehr.

Chiaroscuro Quartett © Agnese Blaubarde
Chiaroscuro Quartett
© Agnese Blaubarde

Die Fugen I, III, und IX aus Bachs Kunst der Fuge waren der ideale Einstieg in dieses Konzert. In der ersten, mit dem Thema in seiner Grundform, begaben sich die Besucher erst mal in die Klangwelt des Ensembles. Die Kunde von dessen Spiel beinahe gänzlich ohne Vibrato eilt dem Quartett voraus und ist in Aufnahmen aus dem klassischen und frühromantischen Repertoire wohldokumentiert. Das allein sollte also keinen Schock verursacht haben. Auch andere Ensembles und Instrumentalisten sind in den letzten Jahren auf diesen Zug aufgesprungen – in einem Maße, dass traditionelles Spiel mit der üblichen Decke von permanentem Vibrato inzwischen von vielen nicht mehr goutiert wird. Was mich jedoch aufs Neue überrascht und beglückt hat, ist die Intonation. „Reines” Spiel ist eine Selbstverständlichkeit, aber das Chiaroscuro Quartett interpretiert „Reinheit” auf einer anspruchsvolleren Ebene. In seltener Klarheit hörte man saubere, reine Intervalle, nicht temperiert wie auf dem Klavier, sondern die pythagoräischen Quinten, große Terzen. Damit lüften die Interpreten den Temperierungsschleier über einer ganz anderen Welt, mit einer Konsequenz, die man nach wie vor selten erfahren kann. Die äußerst sorgfältige und bewusste Intonation zog sich durch alle Werke des Konzerts, war hier aber in ihrer reinsten Form zu greifen, unüberhörbar in den stehenden, schwebungsfreien Schlussakkorden.

Wie in der Intonation waren die Interpreten auch bei Phrasierung, Artikulation und Dynamik mit größtmöglicher Vor- und Umsicht zugange. Man könnte sich fragen, ob denn dabei Spontaneität, aus dem Moment geborener, persönlicher Ausdruck noch Platz findet. Sicher hat Spontanität hier einen ganz anderen Stellenwert: nicht der Ausdruck der MusikerInnen steht im Fokus, sondern derjenige der Komponisten und wer sich darauf einlässt, kann sich über einen Mangel an Leben, an Lebendigkeit nicht beklagen.

Das Quartett spielte (bis auf die Cellistin, rechts auf einem Podest) stehend. Blicke hin zur ersten Violine machten deutlich, dass Alina Ibragimova das Ensemble führte, selbst wenn sie sich nie in den Vordergrund spielte. Und auch wenn klanglich alle vier Stimmen absolut gleichwertig waren, nicht nur in der Lautstärke und Präsenz, sondern ebenso in Intonation und Artikulation. In seltener Klarheit, Einfachheit und Ruhe erklang Contrapunctus I als ein einziger, harmonischer Bogen, hin zur breiten, sanften Klimax und zurück ins Verklingen. Ähnlich die zweite Fuge, beginnend in der Bratsche, Höhepunkte selten mit angedeutetem Vibrieren bereichert. Contrapunctus IX erschien als dichtes, trotzdem transparentes Stimmengeflecht, aus dem sich das Hauptthema jeweils ganz sacht abhob. Allmählich gewann auch der Klang an Charakter, an Griffigkeit.

Was bei Beethovens Op.18/2 auffiel war die schwungvolle Phrasierung mit ausgesprochener Agogik, die leichte, kurze Artikulation im Eingangssatz, die Klarheit bis ins Detail. Und wenn es dafür noch eines Beweises bedurft hätte, hier war es deutlich. Vibrato ist in Ordnung als Verzierung zum Hervorheben von Schlüsselnoten einer Phrase, ansonsten verschleiert es nur die Intonation, lenkt ab von musikalischen Inhalten. Expressivität, Emotionalität benötigt offensichtlich kein Vibrato. Es war alles da: ausdrucksstarke, kräftige Passagen (wobei komponierte Dissonanzen sehr deutlich und in aller Schärfe hervortraten) neben berührend feinen, ja gehauchten, auch geheimnisvollen. Es war eine Offenbarung schlechthin! Im Adagio cantabile überzeugte bei totaler Ruhe die Spannung, die agogische Arbeit, das allerfeinste ppp im Übergang zum Allegro-Einschub. Selbst bei glattem Ton offerierten die Musiker keineswegs nur neutralen Feinschliff. Virtuosität war in den beiden Folgesätzen eine Selbstverständlichkeit. Das Spiel im anspruchsvoll raschen Scherzo zeigte Charakter, Zugriff, ebenso rauere Töne. Der einzige kleine Wermutstropfen kam durch die hallige Akustik, wodurch die Artikulation gelegentlich verschliffen klang und ein Teil der Klarheit verloren ging. Ganz ausgezeichnet war hingegen der plötzliche Farbwechsel nach der modulierenden Fermate bei G. Durchweg hatte es das Ensemble nicht nötig, aufzutrumpfen, schöpfte im Gegenteil Kraft aus leisen und leisesten Partien.

Ähnliches ließe sich zu Mendelssohns Op.12 sagen, einem Werk von 1829. Denn auch frühromantische Expressivität benötigt kein beständiges Vibrieren. Wieder überzeugte die ausgezeichnete Tempodisposition, der klare Blick auf Komposition und Harmonien.

Als Zugabe spielte das Ensemble aus Beethovens Streichquartett in c-Moll, Op.18/4, den virtuosen Schlusssatz: im ersten Teil spielerisch, danach nachdenklich, dann allmählich aufgewühlt, ja unwirsch, hin zum hinreißenden Presto-Schluss.

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