Obwohl die Werke von Johann Christian und Carl Philipp Emanuel Bach sowie Mozarts Klavierkonzert Nr. 9 allesamt in einem Zeitraum von nur 30 Jahren (1746-1777) entstanden sind, decken sie stilistisch dennoch eine erstaunliche Bandbreite ab. Kristian Bezuidenhout präsentierte diese in der Kirche St Peter nicht nur als Solist, sondern auch als Gasdirigent des Zürcher Kammerorchesters.

Kristian Bezuidenhout © Marco Borggreve
Kristian Bezuidenhout
© Marco Borggreve

Das ZKO – bestehend aus etwa 18 Streichinstrumenten – spielte, wie mittlerweile üblich, im Halbkreis stehend, gruppiert um das Fortepiano. Kristian Bezuidenhout wechselte während der Symphonien zwanglos zwischen freiem Dirigat und Continuo-Spiel. Die Funktion als harmonisches Fundament und Taktgeber füllte er äußerst diskret, durch leises Spiel und entsprechende Registrierung. Anders als ein Cembalo hob sich das Fortepiano nur wenig ab vom Streicherklang, einzig in leisen Passagen waren ganz dezent und zart vereinzelte Akkorde, Arpeggien, und überleitende Fiorituren zu vernehmen. Bei dieser ungezwungenen Art der Orchesterleitung nahm der Konzertmeister Willi Zimmermann eine Schlüsselrolle ein, der seinerseits auf die aufmerksame, kollegiale und lebendige Mitarbeit des ganzen Ensembles zählen konnte. Um es gleich vorwegzunehmen: über alle vier Werke ließ die Leistung des ZKO kaum je Schwächen erkennen und abgesehen von anfänglichen Aussetzern der erwartungsgemäß widerspenstigen Naturhörner waren keinerlei Missgeschicke zu beklagen, sodass die Leistung des Orchesters auf der ganzen Linie begeisterte.

Der Konzertabend begann mit einer frühen Symphonie von Johann Christian Bach. Diese ist noch ganz der barocken Formensprache verpflichtet, die Sätze sind kurz, thematische Entwicklungen finden kaum statt. Aber das einleitende, spritzig-lebendige Allegro assai erschien leicht, jedoch nicht überpointiert in der Artikulation; schade nur, dass die Hörner nicht prominenter platziert waren. Dies gilt nach dem getragen-lyrischen, leicht wehmütigen Andante noch mehr für den griffig-packenden, virtuosen Schlusssatz mit seinen Jagd-Motiven, wo vielleicht weniger Streicher mehr gewesen wären.

Das Concerto Wq.20 schrieb Carl Philipp Emanuel Bach 1746, vermutlich also etwa 10 Jahre vor der Symphonie seines Bruders. Trotzdem ist schon in den harmonischen Wendungen des Eingangssatz seine Handschrift klar ersichtlich. Nach der leichtfüßigen Orchestereinleitung scheint der Solopart anfänglich auf das Zeitalter der Empfindsamkeit zu verweisen, schon bald jedoch dominieren Sechzehnteltriolen, schnelle Figuren, die in ihrer Dichte kaum agogische Differenzierung zulassen: das Instrumentalkonzert hat ausdrucksmäßig noch einen weiten Entwicklungsweg vor sich. Bezuidenhout schaffte es dennoch, bei passenden Stellen Fiorituren und Ornamente anzubringen, dynamisch zu differenzieren und die Agilität des Hammerflügels zu nutzen – auf dem modernen Flügel ließe sich diese Musik kaum adäquat realisieren. Das 2009 von Robert Brown gebaute Fortepiano (nach einem Modell von Jakob Bertsche, wohl um 1800) geht in seinen Möglichkeiten weit über das hinaus, was Mozart und den Bach-Söhnen zur Verfügung stand. Aber ein Moderator gehört beim Fortepiano in der Regel dazu und Bezuidenhout ließ es sich nicht nehmen, diesen im Adagio ma non troppo zu nutzen, um dem Instrument einen wunderbar weichen, gedämpften Klang zu verleihen. Der virtuos-leichtfüßige Schlusssatz war sehr effektvoll, eine wahre Bravourleistung! Auch für dieses Werk hätte ich allerdings eine kleinere Streicherbesetzung bevorzugt, damit das Solo besser zur Geltung kommt.

Mit der späten Symphonie in F-dur von 1776 befanden wir uns in der Zeit des Sturm und Drang – C.P.E. Bach, wie man ihn kennt und liebt. Die Musik ist hinreißend, spannend, der erste Satz strotzt vor „Mannheimer Raketen“. Es finden sich plötzliche Harmonie- und Stimmungswechsel, immer durchsetzt mit motorischen Segmenten, und am Schluss eine schockierend moderne Adagio-Überleitung zum Mittelsatz. Auf ein verhaltenes d-Moll Larghetto folgt mit dem Presto ein weiterer, leichtfüßig-virtuoser Geniestreich. Es war jedoch schade, dass der zweite Teil nicht wiederholt wurde.

So effektvoll das Bachsche Konzert gewesen sein mag, in Mozarts Klavierkonzert in Es-Dur zeigte sich der wahre Meister. Hier stimmten die Proportionen, das Soloinstrument kam, wie auch die Hornsoli, akustisch zur Geltung. Mit dem Hammerklavier erhielt zudem der Solopart die intendierte Leichtigkeit und den Farbenreichtum zurück und so machte die meist vernachlässigte Continuo-Funktion des Solisten plötzlich Sinn. Bezuidenhout schaffte es trotz sehr flüssigen Tempos, seinen Part mit Dynamik, Artikulation und reicher Agogik zu gestalten, gar noch zusätzliche Ornamente einzufügen. Unvergleichlich die Momente, an denen sich die Kadenz zu erschöpfen schien, die Zeit für Augenblicke stillstehen wollte. Der Beginn des leicht wehmütigen Andantino mit seinen sordinierten Streichern war auch im Solo dank Moderator ganz dunkel eingefärbt, und dennoch wunderbar singend, und reich an dynamischen Schattierungen. Das Presto des Schlusssatzes nahm Bezuidenhout sehr rasch, vor allem das Orchester bis an die Grenzen fordernd. Trotzdem blieb sein Part melodisch, spielerisch. Die Kadenzen waren weitgehend frei und das Ende des ersten Prestos gestaltete er mit einer sehr langen Fermate, ein wunderbar empfindsamer Ruhepunkt vor dem Stimmungswechsel zum Menuetto-Einschub. Ganz faszinierend und meisterhaft – sowohl Komposition wie Interpretation.