Auch wenn die am Abend im weihnachtlichen Bach-Programm gespielten Werke nicht direkt aus der (Weimarer) Himmelsburg kamen, standen sie in einem imaginären Rahmen. So war es nämlich der Präsident des Bach-Archivs, Sir John Eliot Gardiner, der nach der Veröffentlichung seiner nun kürzlich auf deutsch erschienenen Bach-Biographie mit seinen Pilger-Gefährten Monteverdi Choir und English Baroque Soloists drei Leipziger Kompositionen aufführte, die man mit empfindsamen Schlagworten sowohl mit Weihnachten als auch dem Himmelsburg-Titel assoziieren kann: heilig, süß, festlich. Alle drei Attribute wurden dabei in der Interpretationslinie vom britischen Bach-Enthusiasten konsequent hervorgebracht.

John Eliot Gardiner © Sim Canetty Clarke
John Eliot Gardiner
© Sim Canetty Clarke

Das Heilige übersetzt Gardiner bekanntermaßen nicht mit einem steifen, schlichten Konventionsprotestantismus, sondern mit einer menschlichen, herzlichen Lebendigkeit, die eine Vorstellung der damaligen Eindrücke akquiriert. In den ersten Takten des Kyrie der Lutherischen Messe in F ließ er den Monteverdi Choir zunächst leicht einschweben, einerseits das Hüpfende bereits im Blut, andererseits dieses bewusste Moment, um von dort an die im Ensemble allseits ersichtliche Feststimmung zu entfalten. Diese entlud sich im Gloria, in dem mit den Hörnern ein artikulatorisches Höchstmaß an Jubelekstase an den Tag gelegt wurde. In der expressiven Dublette dieser Gefühlsenergie, vom gesamten Chor in gewohnt klarster Diktion übermittelt, wurde der Zuhörer direkt aufgefordert, mitzutanzen.

Ein laufender Bach (!) rann auch mit dem Domine Deus durch die Alte Oper, als die konzertierenden Violinen mit Viola- und Basso continuo-Begleitung die Bassarie unterlegten. Gleichsam flüssig und kräftig setzte sich Gianluca Buratto darauf, mit dem der Ausdruck nun solistisch fast opernhafte Entsprechung fand; lediglich die gesangliche o-Lastigkeit verschleierte etwas das erwähnte, allgemeine Herausstellungsmerkmal der Aussprache. Ebenfalls in instrumentaler wie stimmlicher Übereinstimmung legte sich mit der weichen wie eindringlichen Attitüde von Hannah Morrisons Sopran und Rachel Chaplins Oboe unter obligater Fagott-Cembalo-Zerstäubung die Süße des Qui tollis in die Luft. Reginald Mobley setzte diese Eleganz in seinem durchgängig sanften, sehr beweglichen Quoniam-Einsatz fort, bei dem Konzertmeisterin Kati Debretzeni im Violin-Solo für akzentuierte Formgebung sorgte. Auffällig herzlich und warm wurde darin das „sanctus“ betont, was der Chor in der Milde des „sancto“ des Schlusssatzes aufnahm und in Bachs struktureller Umrahmung zum Beginn der Messe mit den feierlichen Hörnern in ein überschwängliches Lob führte.

Waren die hohen Solostimmen in den Arien, beide vorne neben Gardiner platziert, in der speziellen Akustik des Saals mit Einschränkungen vernehmbar gewesen, gelang daraufhin mit Angela Hicks' Arie „Süßer Trost, mein Jesu kömmt“ der gleichnamigen Kantate an selbiger Stelle ein verblüffender Auftritt. Ihr zärtlich-reiner Sopran kam nicht nur besser zur Geltung, sie vermittelte das Himmlische mit luzider Artikulation wunderbar prägnant und intim. Nach dem schnellen „freuet sich“-Einschub, ein elastisch-klarer Quell der Verzückung, phrasierte Hicks im ungezogen langsamen Tempo des Da capo unter Vorstellung ihrer wunderbaren Technik nochmals bedachter.

Mit kongenialer Stringenz und Geborgenheit gab Rachel Beckett an der Traversflöte die instrumental-melodische, verzierungsreiche, pastoralsymphonische Wärme ab. Frisch schwingende Rezitative von Tenor und Bass rahmten die freudvolle Altarie, die mit Mobley unter dem Aufblühen von Streichern und tanniger Oboe d'amore knackig über die Bühne ging, wenngleich sich hier abermalige Balanceschwierigkeiten bemerkbar machten. Im Choral rief der Chor dann in seiner unnachahmlich vitalen und eindringlichen Art die Gardiner-typische Überzeugung von Heiligkeit und Festlichkeit zurück.

Besonders theatralisch verkörperten die Ensembles den werklichen Trias-Höhepunkt mit dem Magnificat in Es, dessen chorische Weihnachtseinlagen das Team durch sein Weltklasse-Gerüst an gewichtiger Expression, Phrasierung und Dynamik prächtig schmückte. Unter anderem mit dem maximalen Jubelton im Gloria patri, der im Sicut erat – anders als im ersten Satz – unter vollends souveränen Trompeten mit eng verzierten Trillern mündete, feierten Gardiner und seine Mitstreiter eine sprudelnde, fulminante Bach-Bescherung.

Stilistische und räumliche rote Fäden sowie dramatischere Elemente wiesen auch die solistischen Partien auf. So konnten sich hinsichtlich der Balance der liebliche Mezzo Eleanor Minneys und der Sopran Morrisons gegen die aufspielende Leidenschaft durchsetzen, während der in der Tiefe hervorragende Tenor Graham Neal mit dem gestandenen Opernausdruck im schmissigen, inbrünstigen Deposuit unter walkendem Orchester weniger gut herüberkam. Verständlicher gelang dies dem Altus im Esurientes, der die pointierte Beschwingtheit der Blockflöten nachvollzog. Mit der Positionierung Mobleys in der hinteren Mitte kam er im Et misericordia sogar noch zu gebührender Geltung. Hier duettierte er hinreißend innig unter leidend-wohligen Streichern und Basso continuo mit dem hingebungsvoll wachen, formidablen Tenor Hugo Hymas'.

Seinem ersten Auftritt noch gewaltiger und kontrastreicher folgend schmetterte Buratto das Quia fecit“, mäßigte sich beim textlichen „et sanctum“ aber genauso versiert auf das vormals auf dieses Kennwort gelegte Artikulationsmerkmal der leisen Noblesse. Orchestral kongruent zogen die Streicher nach anfänglichem Staccato dynamisch und agogisch nach. Kleinere instrumentale Unebenheiten leiteten dagegen das süße, fast amouröse Duett Virga jesse ein, als das Continuo-Cello in der Rhythmik kurz schlenderte. Charlotte Ashley mit feinem Sopran und Jake Muffett mit spritzigem Bariton überlagerten das jedoch souverän und machten es zu einem letzten weihnachtlichen Extra fluiden Charmes. Zwei kleine Fremdtöne Neil Broughs schwieriger aber effektvoller Zugtrompete unterbrachen auch nur minimal das himmlisch schöne, schnörkellose Trio des Suscepit Israel.