Das Gefühl von Heimat kann überall entstehen. Sie hat viele Orte und Gesichter, wovon die Musik nur einer ist. Sie entführt einen aus dem Alltag. Man sitzt in einem fensterlosen Saal mit vielen Menschen, das Konzert geht los, die Musik erklingt und mit ein wenig Glück sitzt man nicht mehr in einem Saal, sondern geht auf eine Reise; gedanklich, emotional. An diesem Abend war es das NDR Elbphilharmonieorchester unter Leitung von Alan Gilbert, das einen träumen ließ.

Leonidas Kavakos © Marco Borggreve
Leonidas Kavakos
© Marco Borggreve

Leonidas Kavakos spielte das Zweite Violinkonzert Béla Bartóks, das er kurz vor dem Verlust seiner Heimat, kurz bevor er emigrierte, schrieb. Vielleicht hatte Bartók das Gefühl von Heimat schon vorher verloren, enttäuscht von dem durch Zustimmung für Hitler „verpesteten Land“. Die Uraufführung in Amsterdam konnte er nicht mehr hören. Er machte sich auf ins Ungewisse, dem Unerträglichen ausweichend.

Das spürt man auch in diesem Konzert. Kavakos interpretierte die magische Klangfülle des Violinkonzerts emotional hinreißend. Das klangliche Hin und Her, die rhythmischen Besonderheiten, die folkloristischen Züge – alles war zu hören. Besonders die für Bartók typischen gesanglichen Passagen mit ihrer speziellen Harmonik ließ Kavakos strahlen. Zwar sah man ihm beim Spielen das Glück nicht im Gesicht, doch aber in der Körpersprache an. An der Geige ist er ein Rockstar, leidenschaftlich, aber auch unprätentiös. Im virtuosen dritten Satz grinste er schelmisch zu den ersten Geigen hinüber, ließ seinen Bogen rhythmisch-rockig laufen und genoss sichtlicht die Musik.

Die jazzigen Klänge Bartóks, das Spielen mit den Tonhöhen und der herrliche Humor in der Musik kam Kavakos entgegen. Besonders im zweiten Satz hörte man, wie sehr er nicht nur Solist sondern auch mit dem Orchester verbunden war, es mitnahm. Auch von der anderen Seite kam viel, denn Alan Gilbert ist einer dieser Dirigenten, die keine falsche Show brauchen. Er versteht die Musik, interpretiert und lässt großartig starke Dynamik entstehen, und die Musiker folgen ihm. Das Orchester ergänzte das Solo, unterstützte es mit zarten Streichern oder stellte sich als satter Klangkörper daneben.

Bei der Zugabe, dem Andante aus Bachs Zweiter Violinsonate, zeigte Kavakos, dass er auch poetisch und geordnet kann. Mit ruhiger Hand und raumgreifend ließ er ein beseeltes Publikum zurück.

Ganz anders war die zweite Hälfte. Das NDR Elbphilharmonieorchester spielte die erst kürzlich mit Alan Gilbert eingespielte Siebte Symphonie von Bruckner, eine symphonische Kathedrale mit kompakten Streichern, warmem Holz und glänzendem Blech.

Gilberts Interpretation vom subtilen anfänglichen Tremolo bis zum brillanten Schluss, der an das ursprüngliche Thema des Werks erinnert, gleicht einem großen symphonischen Gedicht. Von der emotionalen Melancholie des ersten Satzes, der tiefen Reflexion des Adagios über das Scherzo zum majestätischen Chor des letztens Satzes spielte das Orchester als klangliche Einheit. Von klaren, herrlich musizierten Trompeten- oder Klarinetten-Soli bis raumüberforderndem Gesamtklang wurde die kolossale symphonische Architektur bildlich vor die Augen des Publikums gestellt. Bruckners Musik entführte das Publikum mit dichten, einhüllenden und fließend plastischen Melodien in sein erhabenes Universum, seine katholisch-musikalische Heimat.

Der NDR ist meine Heimat und auch die Musik und die Philharmonie im Gasteig gab sich an diesem Abend alle Mühe wie die Elbphilharmonie zu klingen. Schrill im Fortissimo, durchlässig im kammermusikalischen – ein wenig Heimat für ein Nordlicht im Süden.

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