Hamburg, Luxemburg, Paris, New York. Das Budapest Festival Orchestra ist auf Tour und spielte gleich zwei Programme in der Elbphilharmonie. Der für den verhinderten Iván Fischer eingesprungene Gábor Káli wurde vom Intendanten begrüßt und kündigte seinerseits die im Original erklingenden Rumänischen Volkstänze und ihre Spieler an. Drei Männer treten ein; mit dabei: zwei Geigen und einen Bass. Es sind drei Orchestermitglieder, die mit größter Leidenschaft die volkstümlichen Weisen zum Klingen bringen. Melodie, Akkorde und brutal minimalistischer Bass, teils Stampfen und Klatschen gehören zu den Tänzen. Dabei werden sie von lächelnden Kollegen im Orchester beobachtet. Von Anfang an heben die Musiker die sonst so steife Formalität eines Konzertes auf und erwärmen die Herzen mit ihrer Natürlichkeit und der Lust am Spiel.

Ildikó Komlósi, Gábor Káli und Krisztián Cser © Daniel Dittus
Ildikó Komlósi, Gábor Káli und Krisztián Cser
© Daniel Dittus

Béla Bartóks Orchesterversionen der Volkstänze sind farbenfroh und das Festival Orchestra spielte mit seidig klingenden Streichern. Auch das Können von Piccolo-Flötistin und Soloklarinettist ist nur zu bestaunen. Der ganze Klangkörper gab sich mit vollem Einsatz den stürmisch-romantischen Melodien hin.

War man vorher noch nicht gefangen genug, verzauberte die Sängerin Márta Sebestyén den Rest der Zuhörer. Sebestyén, in einem traditionellen Outfit mit roten Stiefeln und grünem Oberteil, beherrscht ihre Stimme. Dieser für das halbtongeschulte Ohr fremd klingende Gesang hat seine ganz eigene Kraft. Wenn dann noch das Orchester als einstimmiger Chor fungiert, als wäre man auf einem Volksfest, kann man sich vor Freude gar nicht zwischen lachen und weinen entscheiden.

Bartóks Bauernlieder für Orchester sind nicht weniger folkloristisch, nehmen mit satten Streichern und übermächtiger Tuba- und Paukenfraktion aber epische Ausmaße an. Die herrlichen Takt- und Tempowechsel geben der Musik ständig einen neuen Charakter. Vor der Pause sangen alle noch mal mit. Bei Sebestyéns Zugabe mit ihren drei Streichern hätte man am liebsten sogar selbst gern in die Lieder eingestimmt.

Die eigentlich als Highlight des Abends geplante großartig düstere Oper Herzog Blaubarts Burg folgte in der zweiten Hälfte. Das ist ganz andere Musik und erzeugt eine zur feierlichen Stimmung völlig konträre Atmosphäre. Es ist ein Märchen, aber wer sagt schon, dass Märchen gut ausgehen müssen. Die 45-Minuten-Oper hat lediglich zwei Rollen: Judith und Blaubart. Judith, in der Burg ihres Liebsten Blaubart angekommen, versucht hinter alle Türen zu schauen, ihn besser kennenzulernen und bleibt am Ende hinter der letzten Tür mit seinen drei vorherigen Frauen in der Dunkelheit der Burg gefangen.

Der Ungar Krisztián Cser sang den Blaubart und schon bei seinen ersten Tönen konnte man nur staunen: was für eine tiefe, volle, aber klare Stimme. Er sang ohne Druck, dafür mit viel Wärme und Offenheit. Auch die Sopranistin Ildikó Komlósi konnte trotz etwas viel Vibrato mit spannungsreicher Dynamik und intensiver Höhe überzeugen. Emotional-darstellerisch blieb diese konzertante Aufführung leider etwas unterkühlt.

Gábor Káli ließ mit dem Orchester geheimnisvolle, schöne und grausame Farben erklingen. Der Garten hinter der vierten Tür klang dank der fabelhaften Holzbläser besonders reich und mysteriös. Die Burg erhellte sich, die Streicher tanzten und ließen dennoch das Blut in jedem Raum erklingen. Bartóks geniale Paarung von Liebe und Unheil berauscht und macht Gänsehaut. Je weiter Judith kommt, desto dunkler wird es. Nach einem letzten liebevoll-lyrischen Bitten, warnt Blaubart seine Judith eindringlicher, nicht weiter zu gehen: „öffne sie nicht“. Die wunderschönste Musik der Oper lässt einen märchenhaften See aus Tränen entstehen. Es wird dunkler. Doch sie will alles wissen und schaut auch hinter die siebte Tür, hinter die sie für immer verbannt wird. Voller Spannung mit einer Art grausamen Ruhe nach der Ekstase endet alles in Dunkelheit.

****1