„In einem narkotischen Traum“ habe er die ersten Entwürfe seines Ersten Violinkonzerts im Sommer 1906 skizziert, schrieb Béla Bartók später in einem Brief. Die ungestüme Vilde Frang, die als norwegischer Geigen-Wildfang schon seit etwa einem Jahrzehnt die Herzen der Klassikfans im Sturm erobert, zeigte in der Berliner Philharmonie ihre ganze leidenschaftliche Ausdruckskraft bei der Interpretation dieses einzigartigen Meisterwerks der Violinliteratur. Hochkonzentriert stellte sie sich vor die Berliner Philharmoniker, legte die Geige auf ihre Schulter, schloss die Augen, und zauberte das erste markante aufstrebende Sehnsuchtsmotiv dieses Klang gewordenen Fiebertraums in den mucksmäuschenstillen Zuschauerraum der Philharmonie. Das schnelle Vibrato, der bebende, fast nervöse Strich erschufen unmittelbar eine suchende, flirrende Atmosphäre, wohl ganz dem seelischen Zustand des unsterblich verliebten jungen Tondichters Béla Bartók entsprechend, der sein Erstes Violinkonzert der bildhübschen und hochbegabten Geigerin Stefi Geyer widmete.

Vilde Frang © Marco Borggreve
Vilde Frang
© Marco Borggreve

Obgleich die Liebesbeziehung zu Stefi Geyer für Bartok unglücklich endete, da ihn die junge Geigerin schon nach kurzer Zeit wieder verließ, war sie doch ein Glück für die Musikwelt. Denn das durch sie inspirierte Violinkonzert ist ein musikalisches und tonsetzerisches Juwel. Vilde Frang und die Berliner Philharmoniker entwickelten den ersten Satz Andante sostenuto aus dem durch die Solovioline vorgetragenen Leitmotiv eines aufsteigenden Vierklangs und der folgenden dissonanzenreichen Melodielinie höchst sensibel als organisches und feinsinniges Geflecht träumerischer, melancholischer und schwelgerischer Gefühlswelten. Der ungarische Dirigent Iván Fischer gab Impulse wo nötig, hielt sich aber ansonsten angenehm unprätentiös zurück, wie man es von ihm gewohnt ist. Im darauffolgenden Allegro giocoso konnte Frang dann ihre leidenschaftliche Spielfreude voll ausleben und fand stets die richtige Balance aus virtuoser Brillanz und perkussiver Prägnanz. Wie sie die leere E-Saite zum Klirren brachte, den Bogen am Frosch mit Mut zum Risiko hart aufsetzte und so ihrem obertonreichen Spiel an passenden Stellen auch harte und spröde Geräusche beimischte, das ist Bartok-Interpretation in Vollendung.

Zum Warmspielen hatten die Philharmoniker vor dem Violinkonzert Bartoks Ungarische Bauernlieder zum Besten gegeben. Hier hätte man sich etwas mehr zupackende Gestaltungsimpulse durch Iván Fischer gewünscht. Wie auch im anschließenden Violinkonzert leben diese kleinen feinen Charakterstücke nämlich neben dem nuancenreichen Reichtum an Klangfarben dank der virtuosen Orchestrierungskunst Béla Bartóks auch von der Darstellung herber und teils derber Bauernmusik. Hier hätten die Berliner ihre individuellen Solistenqualitäten noch mehr ausspielen können, die natürlich nicht bei der akademisch korrekten Wiedergabe klassischer Partituren stehen bleibt. Schließlich verrichteten an diesem Abend auch einige der ganz großen Solistenstars wie Emmanuel Pahud, Albrecht Mayer und Andreas Ottensamer ihren Orchesterdienst.

Nach der Pause folgte dann eine durch Iván Fischer zusammengestellte Auswahl aus Stücken der Bühnenmusik Ein Sommernachtsraum des Wunderkinds Felix Mendelssohn Bartholdy, der dieses Meisterstück mit gerade einmal 17 Jahre auf das Notenpapier geworfen hatte. Leider franste das äußerst schwierig zu synchronisierende charakteristische Bläsermotiv zu Beginn der Ouvertüre etwas aus. Enttäuschend umso mehr, als die Bläser wie gesagt mit derart prominenter Besetzung angetreten waren. Diese Ungenauigkeiten, später auch in der Intonation, setzen sich über den gesamten Sommernachtsraum fort. Fast schien es, als habe sich Iván Fischer zu sehr auf die individuellen Qualitäten der Bläsersektion verlassen. Freilich hat jeder dieser Musiker den Sommernachtsraum schon seit frühen Jugendorchesterzeiten unzählige Male gespielt. Aber das diffizile Zusammenspiel wird dadurch nicht leichter, dass die eigene Partitur schon längst keine Herausforderung mehr darstellt. Doch dies nur am Rande, denn insgesamt gelang den Berlinern und vor allem auch dem großartigen Damenensemble des Philharmonia Chors aus Wien, welche im Orchester verteilt standen, eine exquisite Wiedergabe der Mendelssohn’schen Partitur. David Cooper sei für sein wunderbar schwebendes und fein ausbalanciertes Hornsolo im Notturno besonders erwähnt. Ebenso wie die Gesangssolistinnen Mari Eriksmoen (Sopran) und Kitty Whately (Mezzosopran), welche zwar nur zwei kurze, dafür aber umso beschwingtere Auftritte hatten. Wunderbar, wie Mari Eriksmoen das „Gute Nacht mit Eiapopei“ den beglückten Zuhörern entgegenzwitscherte.

****1