Auch beim zweiten längeren krankheitsbedingten Ausfall von Chefdirigent Mariss Jansons läuft das Improvisationsmanagement beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks reibungslos. Mit Susanna Mälkki und Yannick Nézet-Séguin ist für die Tourneen im Sommer prominenter Ersatz gefunden und auch für das Abo-Konzert im Münchner Gasteig am Donnerstag war mit Daniel Harding ein vertrauter Gast des Orchesters gefunden, der mit etwas verändertem Programm jeglichen Verdacht des Lückenfüllers ad absurdum führt.

Daniel Harding © Peter Meisel
Daniel Harding
© Peter Meisel

Bereits die flirrenden ersten Streicherfiguren der Konzertsuite zu Bartóks Tanzpantomime Der wunderbare Mandarin ließen die brutale Kompromisslosigkeit, mit der der Engländer das einstige Skandalwerk angehen sollte, erahnen. Das Sujet der garstigen Großstadt, die von Sex und Kriminalität korrumpiert ist, und der Kampf des Individuums gegen die explosionsartig wachsenden Großstädte war ein weitverbreiteter Topos in der Kunst der Zeit. Die plastische Explizitheit der Musik musste aber die Zuschauer der Kölner Uraufführung schocken und so war es kaum verwunderlich, dass der damalige Bürgermeister Konrad Adenauer das Werk wegen seiner „unmoralischen Haltung“ verbot. Unter der Leitung von Harding gestaltete sich die Suite als drängend pulsierendes, gleißend grelles Portrait des Großstadtsumpfes, das in seiner explosionsartigen Direktheit kein bisschen seiner schroffen Skandalkraft eingebüßt hat. Fein arbeitete er die unterschiedlichen Soli der Holzbläsern heraus und steigerte das Finale zu einem trunken machenden Klangstrudel mit urgewaltigen Rhythmen à la Sacre du printemps, die zu Recht mit ersten Bravo-Rufen aus dem Publikum belohnt wurden.

Jean-Yves Thibaudet © Peter Meisel
Jean-Yves Thibaudet
© Peter Meisel

Dagegen funkelten die feinperligen Harmoniestrukturen in Ravels G-Dur-Klavierkonzert wie kleine Diamanten, die Solist Jean-Yves Thibaudet mit absoluter Klarheit interpretierte. Seine Fähigkeit die feinstrukturierten Melodien in große atmosphärische Gesten zu verwandeln, ließ sich bereits im ersten Satz bewundern, den das BR-Symphonieorchester mit einer ordentlichen Jazznote verfeinerte. Das Adagio assai ging Thibaudet sehr flüssig an und verhedderte sich nicht in den unendlichen lyrischen Linien, sondern konstruierte eine wunderbare Interpretation jenseits falscher Sentimentalität. Das Finale vibrierte schließlich vor sprühender Spielfreude und Virtuosität, die Thibaudet in unnachahmliche Eleganz umsetzte.

Statt Debussys Iberia und Nocturnes setzte Harding nach der Pause vier instrumentale Sätze aus dem Symphoniekoloss Romeo et Juliette von Hector Berlioz aufs Programm, der in voller Länge noch Solisten und Chor fordert. Doch die vier instrumentalen Sätze allein zeichnen die Liebe zwischen Romeo und Julia programmatisch nach und das in solcher bildhaften Eindeutigkeit, dass die Musik im letzten Satz Romeo in der Gruft der Capulets buchstäblich in Stücke gerissen den Tod der Liebenden inszeniert. Sicherlich kein einfacher Abschluss für ein Konzert, dennoch war das, was Harding in den gut fünfundvierzig Minuten davor präsentierte, ganz große Musizierkunst. Vollkommen intuitiv entwickelte Harding die musikalischen Bilder, die sich in der ersten Szene zu einem mitreißenden Ballvergnügen verdichteten. Mysteriös und in sich ruhend schwebte die Nachtmusik der Scene d’amour dahin, die Harding mit solcher Tiefe durchdrang, dass sich jede dynamische Schattierung und Phrasierung völlig organisch aus dem Gesamtbild ergab. Das elfenhafte Scherzo tanzte schließlich mit frischer Raffinesse und silbrigen Zimbelschlägen dahin. So wird der Einspringer Harding zum absoluten Glücksgriff, der die cineastische Plastizität der Werke bis zu deren Kern durchdringt und gleichzeitig die Symphoniker so frei und klangstark musizieren lässt, wie es auf solch natürliche Weise eben nur der Chef Jansons selbst vermag.

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