Ursprünglich planten die Basel Sinfonietta und Chefdirigent Baldur Brönnimann, dieses Konzert am Rhein, auf dem Areal der Hafenanlage Kleinhüningen im Norden Basels, zu veranstalten. Dann machte der Hafenbetreiber den Veranstaltern einen Strich durch die Rechnung, da der Platz anderweitig benötigt wurde. Eine alternative Location – von Konzertsaal zu sprechen, wäre hier wohl vermessen – fand sich schließlich am Ostrand der Stadt, in einer ausrangierten Industriehalle, direkt an der Birs gelegen. Das Konzertmotto „Panta Rhei” („alles fließt”) hatte also weiterhin seine Berechtigung. Zugleich sicherte man sich damit ab gegen mögliche meteorologische Unbilden eines Freiluftkonzerts, bei der momentan instabilen Wetterlage.

Kaleidoscope String Quartet © Benno Hunziker
Kaleidoscope String Quartet
© Benno Hunziker

Der Name „Altes Kraftwerk” ist etwas irreführend, doch immerhin wurden in diesem Gebäude von 1895 Stromverteiler und Isolatoren hergestellt. Der Industriebetrieb ist inzwischen ausgezogen, das Bauwerk wurde zu einem hippen Eventlokal umgenutzt. Die Gerätschaften sind zwar weitgehend verschwunden, der Bau aber im Wesentlichen unverändert erhalten. Das Konzert fand in der Haupthalle statt, einem Raum mit industriellem Flair durch die original verkalkten Wände und dekorativ platzierten Restbeständen des früheren Geräteparks. Der „Konzertsaal” erstreckt sich im Hauptteil über zwei Stockwerke. Über dem Orchester hing ein imposanter Kran mit 40 Tonnen Nutzlast. Das Publikum fand fast gänzlich unter der Galerie Platz, welche die Raumhöhe im großen Teil des Saales auf ein Stockwerk begrenzt. Um es gleich vorwegzunehmen: die Sichtverhältnisse im quer bespielten Saal waren für die meisten Besucher eher mäßig, wegen der vielen Säulen und der flachen Anordnung. Hingegen ist die Akustik hervorragend, ohne übermäßigen Nachhall, klar, transparent; einzig das Orten einzelner Instrumente war gelegentlich schwierig. Was wurde denn geboten? Im Zentrum stand das Kaleidoscope String Quartet (Simon Heggendorn, Ronny Spiegel, David Schnee, Sebastian Braun), dessen Primarius drei neue Werke in Uraufführung beisteuerte. Diese wurden alternierend mit drei Orchesterkompositionen in Schweizer Erstaufführung präsentiert.

Basel Sinfonietta © Benno Hunziker
Basel Sinfonietta
© Benno Hunziker

Zu Beginn Mothership des US-Amerikaners Mason Bates. Es ist ein Werk, das nach einer eröffnenden Fanfare stark rhythmisch geprägt ist, mit einem weitgehend durchgängigen Grundpuls, prägender Perkussion, teils mit elektronischer Verstärkung. In Anlehnung an Techno-Musik entsteht ein industrielles Feeling, gleichzeitig wirkt die Musik im ersten Teil großflächig, wie ein Gemälde von Mark Rothko. Es folgen Perioden, die an Musik von Bernstein oder auch Gershwin erinnern, und ein längeres, lyrisches Segment, schließlich ein Aufbau bis zum Schlussknall.

Nach Ansage erweiterte Simon Heggendorn die Zahl seiner uraufgeführten Werke um ein weiteres, Simply that, gespielt vom Kaleidoscope Quartet allein. Dieser Zusatz diente als Einleitung und ging nahtlos über in das erste offiziell aufgeführte seiner Werke, Cascades, für Streichquartett und Holzbläser. Nach einem Intermezzo folgte Lava, für Streichquartett und Streicher. Als Abschluss des Konzerts diente Horizons für Streichquartett und Orchester. Vor letzterem wurde ein bereits veröffentlichtes Werk, Choral, eingeschoben. Heggendorns Musik bewegt sich im Grenzbereich zwischen Klassik, Jazz / Jazzvioline (mit Country-Einschlag), Minimal Music, experimenteller Musik mit Geräuschen (Kratzen, col legno, Gezwitscher, etc.), selbst barocken Texturen, spät- und postromantischen Klängen, alles in harmonisch durchaus bekömmlichem Kleid, aber nie ins Triviale abdriftend, und mehr als nur unterhaltsam. Einzig Horizons hatte in der zweiten Hälfte einen kleinen spannungsmäßigen Durchhänger. An Fantasie und Eingebung mangelt es dem sympathischen Komponisten mit Sicherheit nicht, und die Mitglieder seines Quartetts, die alle in diesem Genre zuhause sind, tragen kongenial zu seinen Aufführungen bei.

Baldur Brönnimann © Benno Hunziker
Baldur Brönnimann
© Benno Hunziker

Als erstes Intermezzo spielte die Sinfonietta River Rouge Transfiguration der Amerikanerin Missy Mazzoli. In der Ausführung war es souverän, makellos, schien hingegen als Komposition im Kontext dieser Aufführung zeitweilig etwas kontrastarm.

Das zweite Intermezzo war Dance aus der Oper Akhnaten von Philip Glass, einem der Väter der Minimal Music. Letztere braucht nicht vorgestellt zu werden; sie war im Tanz deutlich präsent und passte ausgezeichnet in das Spektrum der Musik dieses Konzerts.

Es sei hier noch die Frage eingeflochten, ob dieses Konzert klassische Musik in den Bereich der Jazz, Country und Pop-Musik abdriften ließ, oder ob nicht im Gegenteil versucht wurde, klassische Musik durch Elemente des Jazz etc. zu bereichern. Ich denke, dass letzteres deutlich überwog (schon des klassischen Instrumentariums wegen), auch wenn Crossover-Aspekte durchaus präsent waren: das zahlreiche Publikum hat diese Bereicherung jedenfalls dankbar entgegengenommen.

Die Basel Sinfonietta war in diesem Konzert kaum substanziell gefordert: das Ensemble hat weit komplexere und anspruchsvollere Werke gemeistert, schon bevor es sich selbst einen Principal Conductor gab, und erst recht jetzt, wo Baldur Brönnimann den Klangkörper mit sicherer Hand und jederzeit klarer Zeichengebung führte. An diesem Abschluss jedoch ging es weniger um zirzensische Leistungen des Orchesters, sondern – neben den Darbietungen des Streichquartetts – um die Wirkung der Musik, insbesondere in dieser speziellen, inspirierenden Umgebung. Und schon allein der Akustik und der Atmosphäre wegen war dieser Konzertort ein absoluter Glücksfall.