Giuseppe Verdis Aida hält alles bereit, was man für eine bombastische Operninszenierung braucht: zwei Rivalinnen, die um einen Mann kämpfen, zwei Staaten, die in den Krieg ziehen und schließlich der Tod der Titelheldin und ihres Geliebten. Begleitet wird das ganze vom triumphalen Getöse des Orchesters. Doch was, wenn man einfach auf den ganzen Pomp verzichtet und eine ganz schlichte Inszenierung wählt? Funktioniert das überhaupt? Die Bayerische Staatsoper hat das am Freitag eindrucksvoll unter Beweis gestellt: Aida geht auch anders.

Aida - Ensemble © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Aida - Ensemble
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper

Zugegeben, eine gewisse „Eingewöhnungszeit“ forderte Christof Nels puristische Inszenierung schon. Kahle, hoch aufragende Aufbauten mit Geländern auf der Spitze stellen den Königspalast in Memphis dar, der beliebig gedreht werden kann. So werden verschiedene Blickwinkel auf die Räumlichkeiten möglich, die nur mit sehr wenigen Requisiten ausgestattet werden. Die Aufbauten selbst sind verschiebbar und schaffen bei Bedarf Platz für neue Räume, wie zum Beispiel für die Zeremonie zur Weihe der Waffen der Ägypter. Im dritten Akt sind die Geländer abgedeckt, sodass die Kulisse – nun als Tempel der Iris – noch kälter und abweisender wirkt und ahnen lässt, welche Dramen diese Oper in den letzten beiden Akten noch bereit hält.

Für die Schlussszene im Gefängnis verzichtet Nels auf jegliche Kulissen; so wird Radamès Kerker gerahmt von den drei schwarzen Bühnenwänden. Düster wird so die Ausweglosigkeit der beiden Liebenden, Radamès und Aida, deutlich. Einige kleine Details gibt es bei den Kostümen zu entdecken: Die Priester, angeleitet von Ramfis, sind komplett in schwarz gekleidet und mit Messern und Harnischen ausgestattet. Die selbe Ausstattung steht auch Radamès und seinen Kriegern zur Verfügung, während die unterlegenen Äthiopier und Sklaven in Lumpen über die Bühne laufen.

Nels Aida setzt nicht auf strahlende Triumph-Momente – diese gestalten das Ensemble mit
Chor und Statisterie in Massenszenen – sondern konzentriert sich auf die dunklen,
mystischen Momente. Und dazu trägt das großzügig verwendete Kunstblut seinen
eigenen Beitrag bei. Dennoch setzt Nels Inszenierung ein hohes Maß an
schauspielerischer Fähigkeit und Fingerspitzengefühl bei der musikalischen
Ausgestaltung voraus, um Flauten zu vermeiden.

Dies bewies Dan Ettinger am Pult in jedem Fall. Der ruhige Beginn der Oper klang bei ihm kammermusikalisch, wobei das Bayerische Staatsorchester von Anfang an mit beeindruckender Homogenität agierte. Im Triumphakt führte Ettinger das Orchester zu seinem vollen Klang und kostete die Musik voll aus. Den Kontakt zur Bühne verlor er dabei nie, sodass selbst die opulenten Szenen mit Chor und Solisten mit präziser Geschlossenheit überzeugten. Die Spielfreude des Orchesters wurde besonders in den Solopassagen deutlich. Den Instrumentalsolisten, zum Beispiel in den Holzbläsern, ließ Ettinger viel Freiraum, sodass der triumphale Klang einige tänzerische Momente erhielt.

Jonas Kaufmann (Radamès) und Krassimira Stoyanova (Aida) © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Jonas Kaufmann (Radamès) und Krassimira Stoyanova (Aida)
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Für Jonas Kaufmann als Radamès ist die Aufführung in München die erste szenische Aida, die er singt. Der zwischen der Liebe und dem Vaterland zerrissene Radamès gelang ihm dabei glaubhaft. Mit klagendem Pianissimo oder kühnem Forte füllte er seine Rolle mit vielen verschiedenen Klangfarben aus und bewies im Zusammenspiel mit seinen Gesangspartnern ein gutes Gespür für die richtige Dosierung seiner Stimme. Kaufmanns baritonales Timbre passte dabei vor allem zum dem der Aida, die an diesem Abend von der bulgarischen Sopranistin Krassimira Stoyanova gesungen wurde. Mit klarem Timbre war Stoyanovas Aida eine jugendliche, ebenfalls innerlich zerrissene Titelheldin. In den Spitzentönen war Stoyanova zwar etwas dünn, doch das machte sie mit ihrem Schauspiel wieder wett.

Den dramatischen Höhepunkt setzte allerdings Mezzsopranistin Anna Smirnova als Amneris. Ihr volles, dunkles Timbre ist sie meiner Meinung nach ideal für die Rolle der Eifersüchtigen. Mit ihrem großen stimmlichen Volumen, das sie sich bis in ihre Spitzentöne behielt, schien sie das Königreich als Königstochter bestens im Griff zu haben. Doch als Amneris bewusst wird, dass ihr Geliebter sterben wird, zeichnete Smirnova diese Verzweiflung mit größter Präzision nach.

Ain Anger, der den Part des Ramfis übernahm, konnte besonders in seinen mystischen Szenen überzeugen. Sein tiefdunkler Bass verlieh der Gerichtsszene mit Radamès eine beklemmenden Atmosphäre; die Zeremonie vor der Schlacht gegen die Äthiopier hingegen erfüllte Anger mit strahlendem, feierlichen Timbre. Den König der Äthiopier Amonasro sang der italienische Bariton Franco Vassallo. In seiner Gestaltung des Vaters, der sich und seine Tochter retten will, überzeugte er mit unerbittlichen, teilweise bedrohlichem Timbre sowohl stimmlich als auch schauspielerisch.

Christof Nels Aida ist in vielerlei Hinsicht keine gewöhnliche Aida. Dieser etwas andere Blick tut auf jeden Fall gut, besonders wenn die Musik mit solcher Exzellenz dargeboten wird.