Wer ist eigentlich diese Lulu? Die Schlange der Verführung oder ein tragisches Schicksal? In Alban Bergs gleichnamiger Oper erhält der Zuschauer intime Einblicke in das pathologische Seelenleben einer Femme fatale. Antworten findet er in dieser kurzweiligen Inszenierung der Bayerischen Staatsoper jedoch nicht. Stattdessen werden jede Menge musikalische Höhepunkte und einer Reduktion aufs Wesentliche geboten.

Marlis Petersen (Lulu) und Bo Skovhus (Dr. Schön/Jack the Ripper) © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Marlis Petersen (Lulu) und Bo Skovhus (Dr. Schön/Jack the Ripper)
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper

Lulu wird von der fabelhaften Marlis Petersen gespielt. Klar und wohl konturiert, vielleicht ein wenig zu nüchtern, artikulierte sie die vielen Sprechpassagen der Oper. Die Lulu ist eine anspruchsvolle Rolle, insbesondere auch schauspielerisch. Schon in den ersten Takten betrügt sie ihren bisherigen Ehemann mit einem Künstler. Der düpierte Medizinalrat erwischt sie in flagranti und erleidet daraufhin einen Herzinfarkt. Lulu kümmert sein fatales Schicksal nicht und gibt sich stattdessen ihrem neuen Bewunderer hin – Auftakt für ein Leben auf der Suche nach Bestätigung und Lust.

Petersen zeigte dabei in der Rolle als Lulu keine Hemmung mit Körperkontakt; nur ein weißes Negligé sorgte für die Wahrung des Anstands. Ihre Stimme blieb trotz des intensiven Schauspiels fokussiert, aber variabel. Verzweiflung, Hoffnung, Freude und Gleichgültigkeit – jede Gefühlsnuance zwischen lyrisch und hochdramatisch trug ihre Stimme überzeugend mit. Manchmal ließ ihr Gesang etwas Volumen vermissen, doch machte Marlis Petersen dies durch ihre starke Bühnenpräsenz wett. Es ist bereits ihre neunte Lulu-Interpretation und diese Erfahrung wird fast greifbar.

Noch im ersten Akt begeht Lulus zweiter Gatte Selbstmord, nachdem er die Wahrheit über seine verehrte Frau und Muse erfährt: Lulu ist nur ein Künstlername. Ihr vorheriger Mann nannte Sie Nelly, mal hieß sie Mignon und andere nannten sie Eva – ihr wahrer Name bleibt, wie ihr wahres Ich, unerkannt. Als Weise wuchs sie bei einer Ziehmutter auf, ihr Vater starb an der Cholera, heißt es zumindest. Ist das der Grund für ihren ungebändigten Hunger nach Bestätigung und Verehrung? Dmitri Tcherniakovs Inszenierung will darauf keine Antworten liefern, sondern beschränkt sich auf wohlplatzierte Denkanstöße.

Pavlo Hunka, Marlis Petersen, Matthias Klink, Daniela Sindram & Bewegungschor © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Pavlo Hunka, Marlis Petersen, Matthias Klink, Daniela Sindram & Bewegungschor
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper

Das über alle drei Akte einheitliche Bühnenbild ist unterteilt in hintereinander gestaffelte Glaskammern. Als Spiegel gewähren Sie Einblicke in das Innere eines Mädchens, das der Welt schon längst abhandengekommen ist, und doch beständig ihren Platz einfordert. Geschickt werden in den Zwischenspielen des Orchesters Statisten pärchenweise in den gläsernen Schaukästen positioniert – mal kämpfend, mal liebend, mal halbnackt in post-koitaler Stasis. Parallel zur tragischen Handlung im Vordergrund legen sie dem Zuschauer so nahe, dass Lulus stetiger Drang nach Bestätigung des eigenen Seins auch tief im Rest der Gesellschaft verankert ist. Mehr noch: Wenn das Bühnenlicht aufblitzt, so sieht der Zuschauer für einen Moment sogar das eigene Spiegelbild reflektieren.

Währenddessen verstrickt sich Lulu auf der Suche nach Anerkennung immer tiefer im Abgrund der Verführung. Ihren einstigen Entdecker Dr. Schön drängt sie alsbald in eine Ehe, die vom ersten Moment an zum Scheitern verurteilt ist. In dieser Rolle überzeugte der imposante Däne Bo Skovhus durch seine vehemente Stimme und brillierte ebenfalls mit einer starken schauspielerischen Leistung. Im Stück mimte er den eifersüchtigen Ehemann, den Lulu schlussendlich im Affekt umbringt, um sich anschließend in die Arme seines Sohnes zu retten. Auch Alwa kann sich dem Faszinosum Lulu nicht entziehen.

Es ist der Moment, in dem die lesbische Gräfin Geschwitz (Daniela Sindram) mit Ihrem sinnlich rauchigem Mezzosopran feststellen muss: „Was uns unter die Erde bringt, gibt ihr Kraft und Gesundheit wieder.“ Doch Lulus Kraft wird alsbald auf die Probe gestellt. Nach dem Mord an Ihrem Ehemann wird sie verhaftet und kommt ins Gefängnis. Nur durch die selbstlose Aufopferung der Gräfin Geschwitz kann sie der Justiz entkommen.

Marlis Petersen (Lulu) und Bo Skovhus (Dr. Schön/Jack the Ripper) © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Marlis Petersen (Lulu) und Bo Skovhus (Dr. Schön/Jack the Ripper)
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Weit allerdings kommt Sie nicht. Sie wird erpresst, verliert ihr Geld und endet schlussendlich tragisch als Hure in London. Nur ihre engsten Verehrer sind ihr auf der Flucht gefolgt. Wie Motten sind sie in das hell-gleißende Licht der Lulu geflogen, haben sich daran verbrannt und finanziell ruiniert. Nun sind sie allesamt abhängig von Lulus Einnahmen auf dem Strich – doch Lulu zeigt keinerlei Interesse mehr an ihnen. Zum Schluss wird sie von ihrem letzten Freier, es ist Jack the Ripper, zusammen mit der Geschwitz ermordet. Achtlos und ohne Antwort auf die Fragen des Stückes zu geben, bleibt ihr Körper auf der Bühne liegen.

Durchweg beachtenswert war an diesem Abend Kirill Petrenko. Zu Bergs Zwölftonmusik schwang er den Taktstock fordernd, aber nicht überfordernd, dramatisch, aber nicht melodramatisch. Keine einzelne Note überlässt Berg in seiner zweiten und letzten Oper dem Zufall, jeder Ton ist bewusst platziert. Petrenko, das merkte der Zuschauer schnell, beugte sich dieser Idee – jeder Einsatz saß. Es war Petrenkos ausdrücklicher Wunsch, so ist einer Umbesetzungsnotiz der Bayerischen Staatsoper zu entnehmen, die musikalische Leitung für diesen Abend zu übernehmen. Die Effizienz seines Dirigats überwältigte und blieb in seiner Meisterschaft der hochkomplexen Partitur von Berg erstaunlich intim.

Als ich nach dieser durchweg gelungen Aufführung die Treppen der bayerischen Staatsoper nach unten ging, da hörte ich ein Pärchen fast andächtig raunen: „Ein Glück, dass wir hier den Petrenko haben“. Wahrlich ein Glück.

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