Die Rolle des Werther scheint auf den ersten Blick recht eintönig. Gut zwei Stunden und über vier Akte leidet der Protagonist vor sich hin und entschließt sich schlussendlich zum Selbstmord, da ihm seine große Liebe Charlotte verwehrt bleibt. Matthew Polenzani allerdings zeigte in der Werther-Inszenierung an der Bayerischen Staatsoper einen vielschichtigen und abgründigen Werther, der den Zuschauer bis an den äußersten Rand der Verzweiflung führt.

Angela Brower (Charlotte) und Rolando Villazón (Werther) © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Angela Brower (Charlotte) und Rolando Villazón (Werther)
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper

Jürgen Roses Inszenierung verstärkt diesen Eindruck dabei noch mehr, wobei er einige Abweichungen von der Vorlage vornimmt, die nicht wirklich schlüssig sind. Dass Rose die Szenerie in eine großbürgerliche Umgebung vorverlegt, ist einzusehen; dennoch fragt man sich, warum das Wetzlar des späten achtzehnten Jahrhunderts wie ein stereotypisches, verschlafenes Dorf in der französischen Provence aussieht. Trotz allem hat Roses Inszenierung eine bedeutende Stärke : Sie schafft Stimmung. Mit Kritzeleien an den Wänden, die in Anlehnung an Goethes Vorlage auf die Briefe zwischen Werther und Charlotte anspielen und mit einer fehlenden Rückwand in den letzten beiden Akten, die eine schwarze Leere hinterlässt, wird die Inszenierung von Akt zu Akt zunehmend beklemmender.

Unter der Leitung von Asher Fisch interpretierte das Bayerische Staatsorchester Massenets Musik mit großer Variabilität. Die Musiker scheuten dramatische Ausbrüche keineswegs, wobei ihnen auch die karg besetzten Passagen überzeugend gelangen. Fisch nahm die Stimmungen der Bühne geschickt auf, sodass das Staatsborchester den ersten Akt mit pastoraler Leichtigkeit versah, wobei die exzellenten Hörner erwähnt werden müssen. Die letzten beiden Akte stattete Fisch dann mit sattem Klang aus. Dabei war er auf eine gute Balance zwischen dem Orchester und den Sängern bedacht und dirigierte sehr sängerfreundlich.

Das Ensemble hätte aber auch einem weniger ausbalancierten Orchesterklang etwas entgegenzusetzen gehabt, denn neben Angela Brower als Charlotte und Matthew Polenzanials Werther waren auch Sophie mit Hanna-Elisabeth Müller und Albert mit Michael Nagyexzellent besetzt. Als kleine Schwester der Charlotte ist die Sophie als immer fröhliches und leichtherziges Mädchen eine dankbare Rolle, die Müller mit ihrem jugendlichen Timbre passend interpretierte. Dabei beeindruckte sie aber auch mit ihrem kraftvollen Ausdruck in Verbindung mit klarer Stimme.

Rolando Villazón (Werther) © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Rolando Villazón (Werther)
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper

Fast ebenso sympathisch ist Charlottes Angetrauter Albert in dieser Inszenierung. Als redlicher Ehrenmann veredelte Nagy die Rolle mit einem samtigen Bariton, den er kraftvoll und gleichzeitig sehr flexibel einsetzen konnte. Gleichfalls gelangen ihm die expressiveren Momente, zum Beispiel am Ende des dritten Akts, schauspielerisch und gesanglich sehr überzeugend. Damit stand er zu dem träumerischen Werther in völligem Gegensatz.

Polenzani verlieh der Rolle in der Interaktion mit Charlotte ein feines Timbre, das er besonders in den ersten beiden Akten mit exzellentem Piano führte. Mit einigen schmachtenden Seufzern breitete er ihr seine Liebesbekundungen aus. Seinen leichten Tenor, der vor allem in den ersten beiden Akten mit hervorragendem Piano überzeugt hatte, färbte er nun dramatischer, ausdrucksstärker. In aller Ausweglosigkeit warf er sich in die Spitzentöne, vergaß dabei aber den lyrischen Charakter der Arie, die ja eine Rezitation über ein Gedicht ist, nicht. So kreierte er den musikalischen Höhepunkt des dritten Akts mit größtmöglicher Dramatik und rechtfertigte die von Fisch eingebaute Applauspause vollkommen.

Die ebengleiche Verzweiflung bringt auch Angela Bower als Charlotte auf die Bühne, die mit vollem Klang die beste Basis für ihre dramatischen Spitzentöne schafft. Ihr lagen die expressiven Momente jedoch deutlich besser, da in den erzählhaften Passagen besonders deutlich wurde, dass ihr Mezzo noch nicht vollkommen ausgereift ist. Allerdings machte sie diese Tatsache mit ihrem schauspielerischen Ausdruck, in dem sie Polenzani in nichts nachsteht, wett.

Massenets Werther an der Bayerischen Staatsoper ist Dramatik pur, wobei die Inszenierung und das Ensemble gleichermaßen überzeugen.