Was ist überhaupt Ballett? Dieser scheinbar trivialen Fragen wurde am vergangenen Freitag im Prinzregententheater nachgegangen. Spitzentanz und Tutu reichen längst nicht mehr als Definition. Das Bayerische Staatsballett setzt deutlich anspruchsvollere Akzente und bringt zu den Opernfestspielen 2015 zwei nicht ganz unkritische Stücke aus der Klassischen Moderne auf die Bühne.

Das Triadische Ballett, Gelbe Reihe: Großer Rock - Nagisa Hatano © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Das Triadische Ballett, Gelbe Reihe: Großer Rock - Nagisa Hatano
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Das Triadische Ballett bildete den Auftakt des Abends. Die elaborierten Kostüme des Bauhauskünstlers Oscar Schlemmer wurden aus dem Archiv geholt und sollten mit der rekonstruierten Choreographie von Gerhard Bohner aus dem Jahr 1977 zum Leben erweckt werden. Ein Dialog aus Kunst und Bühne will hier den Ballettbegriff erweitern, ja fast neu definieren.

Der Vorhang hob sich und aus der beklemmenden Dunkelheit trat im Zentrum Anna-Lena Uth hervor. Ein gigantisches, diskusartiges Tutu umfasste in Regenbogenfarben ihre Hüften, neigte und drehte sich. Doch die Rolle als Großer Rock und das schwere hölzerne Kostüm machten ihr sichtbar zu schaffen. Ihre langsamen Schrittfolgen waren unsicher, gar stolpernd; die von Schlemmer geforderte Wirkung vom „cultischem Seelentanz“ wurde verfehlt.

Währenddessen kam die erratische Musik von Hans-Joachim Hespos vom Band, konnte allerdings das kleine Prinzregententheater gut füllen. Simon Jones in der Rolle des Tauchers zeigte jedoch deutliche Schwierigkeiten, den lautmalerischen Klängen zu folgen. Die Einsätze seiner Passagen kamen zu spät oder zu früh und wirkten plump. Vom „ästhetischen Mummenschanz“ aus dem Programmheft der Uraufführung im Jahr 1922 blieb leider nur die Komik übrig. Leises Gelächter aus dem Publikum ließ das Licht nach jeder Szene ohne Applaus ausgehen; einige Zuschauer verließen sogar den Saal.

Über den Grund dafür kann man nur spekulieren, doch ein Stückchen Unsicherheit mag wohl auch zur Stimmung beigetragen haben. Schlemmers Gegenprogramm zum Ausdruckstanz entzieht sich dem Verständnis. Eine übergreifende Handlung gibt es nicht, jede Szene steht für sich. Das Stück und seine Szenen sind in farbliche Kompositionen gegliedert. Gelbe Reihe, Rosa Reihe, Schwarze Reihe – es fällt schwer, nachzuvollziehen, was mit den Bauhaus-Kostümen gemeint ist, die den Zukunftsgedanken einer längst vergangenen Ära heraufbeschwören.

Das Triadische Ballett, Gelbe Reihe: Kugelhände - Florian Sollfrank © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Das Triadische Ballett, Gelbe Reihe: Kugelhände - Florian Sollfrank
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Klar wurde das zum ersten Mal mit dem Einsatz von Simon Jones. Die Miene des Tänzers versteckte sich hinter einer stoischen Maske – die Blicke wurden von den knisternden Bewegungen der riesigen, kugelförmigen Handschuhe gebannt. Tänzer, Kostüm und Musik bildeten vor dem reinschwarzen Bühnenhintergrund eine perfekte Einheit. Ebenso überragend wirbelte wenig später Carl van Godtsenhoven den Kegel seines Türkischen Tänzers und erntete dafür kräftigen Applaus. Ist diese Art Tanz überhaupt Kunst? Die Antwort auf diese Frage konnte nach diesem enigmatischen Aufritt nie so einfach mit ja beantwortet werden.

Nach einer kurzen Pause suchte das zweite Stück des Abends einen völlig anderen Kunstbegriff. Ausdrucksstark, leidenschaftlich und voller Dynamik gab sich die rekonstruierte Fassung von Mary Wigmans Le Sacre du Printemps, welches bereits zu den Opernfestspielen 2014 seine Premiere feierte. Begleiteten damals in der spartanischen Reithalle nur zwei Flügel das Ensemble, konnte das Münchner Publikum in diesem Jahr das Stück zum ersten Mal auf großer Bühne und mit vollem Orchester sehen. Groß waren insofern auch meine Erwartungen an diese Wiederaufnahme, die leider nicht vollständig erfüllt wurden. Dirigent Myron Romanul ließ das markanten Fagottsolo zum Beginn des Stückes kühl und analytisch erklingen. Das passte zum Abend, dass passte zur Choreographie, aber irgendwie nichts ins Prinzregentheater. Vielleicht lag es auch an dem etwas meiner Meinung nach unpassenden hellen Licht, das den Orchestergraben ablenkend erhellte und statt mystische Stimmung zu schaffen den Scheinwerfer auf solides Handwerk richtete.

Aber der Reihe nach: Als sich der Vorhang hob, fiel der Blick auf den simplen, kreisrunden Bühnenaufbau, der einen keltischen Steinkreis andeutet, aber nicht ausformuliert. Noch harrten die Gedanken und schon scharte sich der Chor der Mädchen im harmonischen Reigen um die abstrakte Idylle der Kultstätte. Dicht gefolgt vom Chor der Männer, der mit exaltierenden Sprüngen scheinbar um die Gunst der Mädchen rang. Noch züchtig getrennt, umkreisten sich die beiden Gruppen konzentrisch, fanden in schnellen Schritten zu Paaren zusammen und trennten sich flüchtig, sobald die Priester und Priesterinnen die Bühne mit sakraler Anmut betraten. Strawinskys Musik gleicht hier einer Brandung, in der das Ensemble hin und her getrieben wird. In strukturierten Linien und Gängen glitt das Corps durch den archaischen Raum – alles in strenger, aber überragender Synchronität. Jeder Einsatz saß und zog den Zuschauer in die heidnische Welt, in der ein Mädchen geopfert werden soll.

Le Sacre du Printemps: Katerina Markowskaja (Erwählte) und Ensemble © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Le Sacre du Printemps: Katerina Markowskaja (Erwählte) und Ensemble
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper

Im Zentrum steht alsbald Katerina Markowskaja als Erwählte. Mit ihrem roten Kleid ist sie der einzige echte Farbtupfer unter den Erdtönen der 46 Tänzerinnen und Tänzern. Ängstlich tanzte sie nicht, sondern überlegen, fast wehrhaft, als wolle und werde sie ihr schicksalhaften Opfertod nicht akzeptieren. Doch zeigte sich Markowskaja gegen Ende f‼r meinen Geschmack etwas zu frenetisch, fast hektisch und glitt damit ins Triviale ab. Im vergangenen Jahr hatte mich Daria Sukhorukova mit ihrem Hauch zerbrechlicher Anmut deutlich mehr überzeugen können.

So blieb dieser Ballettabend im Prinzregententheater schlussendlich mit viel unrealisiertem Potenzial hinter den Möglichkeiten zurück. Doch auch das muss gesagt werden: Oscar Schlemmers fantastische Kostüme in Zusammenhang mit Gerhard Bohners Choreographie sind für jeden Kunstfan wohl schon allein einen Besuch wert. 

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