Die Idee, einen Konzertabend mit fünf Cellosonaten ein und desselben Komponisten zu veranstalten, ist ein gewagtes Unterfangen: Kammermusikabende ziehen tendenziell weniger Publikum an als Orchesterkonzerte. Sicher, der Name Beethoven wirkt als Publikumsmagnet, und tatsächlich bevölkerte eine ansehnliche Besucherschar die Tonhalle Maag. Aus musikalischer Sicht scheint das Programm unproblematisch. Allerdings sind die Werke alles andere als harmlos und so manch einer mag sich gewundert haben, wie anforderungsreich die späten Werke für die Zuhörer sind.

Nicolas Altstaedt © Marco Borggreve
Nicolas Altstaedt
© Marco Borggreve

Alexander Lonquich bewies sich als ein äußerst umsichtiger Duopartner. Er war sehr agil, artikulierte sorgfältig, spielte wunderbar saubere Läufe, setzte klare Akzente, die Dynamik, die Balance zwischen den Händen war ausgezeichnet, an seiner Virtuosität bestand keinerlei Zweifel, und der Pianist hielt stets engen Kontakt zu seinem Duo-Partner. Allerdings haben die beiden Künstler ein Faible für rasche Tempi – so schnell, dass Skalen und Figuren gelegentlich zu verlaufen drohten. Der Pianist hatte eine leichte Tendenz, gegen Ende eines Satzes oder Abschnitts das Tempo nochmals zu drücken. In der F-Dur Sonate  arpeggierte er zum Beispiel gewisse Sforzati (etwa gegen Ende der Exposition des ersten Satzes) ohne zwingenden Grund. Trotzdem spielte das Klavier bei aller Umsicht in Pedalgebrauch und Dynamik den Cellisten über weite Strecken in Grund und Boden, trotz häufigem Gebrauch des (vom Komponisten nicht vorgesehenen) Verschiebungspedals. Schade, dass der Steinway für diesen Abend ganz geöffnet war.

Nicolas Altstaedt begeisterte. Die Interpretation des Cellisten war im besten Sinne historisch informiert. Er widerstand konsequent der Versuchung, im Sinne von Altmeistern vergangener Jahrzehnte mit sattem, großem Ton und breiter Artikulation dem Flügel Paroli zu bieten. Ganz im Gegenteil; er gestaltete sehr subtil, mit leichter Artikulation, manchmal Noten nur hintupfend, trotz Leichtigkeit beseelt bis ins feinste, nur hingehauchte Pianissimo, sanft, häufig ganz ohne Vibrato. Das Vibrieren diente vor allem zum Hervorheben von Höhepunkten, für intensive Stellen. Bei Bedarf setzte er jedoch durchaus kräftige Akzente. Dabei hielt Altstaedt engen Kontakt mit dem Pianisten, saß ganz auf der Tastaturseite der Flügel-Einbuchtung, sogar leicht zum Partner hingedreht. Leider aber ging vieles an seinem delikaten Spiel im dominanten Klavierklang unter, vor allem in den frühen Sonaten, in denen der Komponist sich auch als Virtuose profilieren wollte.

In der Cellosonate Nr. 2 schien Altstaedt feinsten Tönen nachzuhorchen, selbst ohne Klavier im Publikum kaum noch hörbar, es folgten, soweit der Flügel dafür Raum gewährte, wunderschöne Kantilenen im Thema. Schlüsselmomente waren die Generalpausen am Ende des Eingangssatzes: voll von Spannung und „Suspense“. Trotz der Länge des Programms haben die Künstler auf keine von Beethovens Wiederholungen verzichtet – die Exposition des Mittelsatzes hörten wir gar dreimal, da dem Cellisten am Ende des zweiten Durchgangs eine Saite riss.

Im Zentrum des Abends stand die Sonate in A-Dur, ein Werk von klassischen Proportionen in apollinischer Schönheit und Meisterschaft. Ein besonderes Glanzlicht war hier der Übergang vom Adagio cantabile zum abschließenden Allegro vivace.

Die beiden Spätwerke nach der Pause stellen musikalisch deutlich höhere Ansprüche, können beim ersten Anhören gar spröde wirken. Immerhin erlaubte die Disposition des Tonsatzes hier trotz modernen Flügels eine bessere Durchhörbarkeit. In der C-Dur Sonate gefielen der verklärte Beginn, die subtile Klavierbegleitung, dann der kräftige Zugriff im Allegro vivace, wobei die Artikulation im Cello stets leicht blieb. Behutsam, bewusst schmucklos der stille Gesang im Adagio, spannend, gedankenvoll in den abwartenden Momenten, aber gelegentlich auch verspielt die Stimmung im fugierten Allegro vivace.

Wiederum sehr feines Cellospiel in der Sonate Nr. 5, gespannte Erwartung im ersten Teil des Mittelsatzes, danach im Dur-Teil Gesang mit apollinischer Heiterkeit, oft nur gehaucht, auch wo die Musik wieder beinahe schwermütig, schmerzvoll wird. Das Allegro fugato schließlich – eine komplexe Doppelfuge – gefiel im verhaltenen Spiel, im Vermeiden oft gehörter skandierter Rauheit.