Das Publikum der Tonhalle Düsseldorf ist nicht gerade für seinen ausdauernden Applaus bekannt. Gar nicht mehr zu bremsen war es jedoch beim Beethoven-Abend der Academy of St Martin in the Fields mit Joshua Bell. Dieser überaus lebendige Vortrag hatte solchen Beifall auch zu recht verdient.

Als Schauspielouvertüre für Heinrich Joseph von Collins Drama Coriolan komponiert, strich Beethoven dann die Werkbezeichnung „Zum Trauerspiel Coriolan“, ersetzte sie mit dem schlichten, unmissverständlichen Wort „Ouvertura“. Der Düsseldorfer Beethoven-Abend wurde mit eben diesem Werk impulsiv eingeleitet. Für Leiter und Konzertmeister des Ensembles Joshua Bell gab es stets nur eine Richtung: nach vorne. Die Musik wurde rastlos, aber nicht gehetzt in weiten Bögen immer fortgesponnen. Die zwiespältigen Charaktere des Protagonisten Coriolanus, die Beethoven hier vertont, sind geradliniges Handeln und entgegengesetzt ein aufbrausendes Wesen. Die vom Ensemble stringent geführten lyrischen Passagen des sanftmütigen Coriolanus wurden mit weichen Linien gestaltet und mit einem geschmeidigen Bläsersatz versehen. Dagegen wurde das aufbrausende Temperament mit starken Akzenten praktiziert, die impulsgebend angespielt und weniger scharf als dafür sanft ausklingend interpretiert wurden. 

Mit einzigen Violinkonzert konnte der Revolutionär Beethoven sein Publikum nur zum Teil überzeugen. Lag es an der Interpretation des Widmungsträgers Franz Clement oder war es gar zu innovativ, das Konzert mit fünf Paukenschlägen zu beginnen oder gleich sechs Themen im ersten Satz zu verarbeiten, wo klassischerweise nur zwei gefordert waren? In einem zügigen Tempo leiteten die Paukenschläge das Konzert ein und die Streicher erwiderten jenes Paukenmotiv in pochenden Vierteln nach dem ausgedehnt schmiegsamen Einsatz der Holzbläser. Alles klang in sich sehr stimmig und wohl durchdacht, was das gemeinsame Einatmen der Musiker möglich machte.

Joshua Bell © Timothy White
Joshua Bell
© Timothy White
Die Feinheit und das homogene Gefüge des Bläsersatzes zog sich nicht nur durch den ersten Satz des Violinkonzertes, sondern blieb ebenso harmonisch über den gesamten Abend hinweg. Obwohl Beethoven die ersten beiden Sätze seines Violinkonzerts so konzipiert hatte, dass die Solovioline kaum wirklich allein glänzen darf, stach Joshua Bell dennoch mit jedem Ton aus der Masse von Noten des Orchesters heraus und brillierte letztlich nicht nur in seiner rasanten Kadenz, in der er sich in Doppelgriffen und Läufen austobte. Bells warmer Ton fesselte von Beginn an und zog das Publikum in seinen Sog der Gefühlwallungen, dem man sich nur schwerlich entziehen konnte. Auch der doch manchmal ermüdende zweite Satz des Konzerts wurde von der Academy und Joshua Bell sehr leidenschaftlich interpretiert. Ohne Stillstand und doch mit viel Ruhe erklangen die Bläser wie aus der Ferne schwebend, während Streicher in präzisem Pizzicato und Solovioline gleichberechtigt um das Thema kreisten. Mit sanftem Nachdruck tönte das Mollthema im dritten Satz, in dem der Solist letztendlich seine führende Rolle einnehmen darf. Mit großer Leichtigkeit stellte Bell das Rondothema vor und das Orchester folgte ihm mit kurzen, runden Akzenten.

Mit seiner Sechsten Symphonie beschritt Beethoven den Weg zur Programmmusik; der Beiname „Pastorale“ und Satzbezeichnungen wie Szene am Bach oder Gewitter, Sturm geben die Szenerie vor. In fünf Sätzen vertont Beethoven die Eindrücke eines Stadtmenschen in ländlicher Umgebung. Unter der Leitung von Joshua Bell zeigte das Orchester eine breite Palette an Klangfarben, die es allzu leichtmachte, sich in eine naturbelassene Landschaft hineinzuträumen. Die Ankunft auf dem Lande sprühte im tänzerischen Thema der Geigen vor Freude, getragen von kräftigen, impulsiven Bässen. Die sich ständig wiederholenden Motive blähten sich kontinuierlich auf, bis der erste Satz mit bestimmten Schlussakkorden zum Ende kam. Das fortlaufende Flussthema des zweiten Satzes in den Streichern pflegte sich bedeckt, jedoch nicht untergeordnet in die parallelen Melodien wie die des Duos von Oboe und Flöte ein, das exakter synchron und wohl abgestimmt mit sehr weichen Linien gespielt wurde. Nach dem rasenden Gewitter war der letzte Satz eine willkommene Auflockerung; pathetisch und gefühlsbetont malten die Bläser in breiten Linien und raumfüllenden Crescendi ein abschließendes Bild von Frieden und Ruhe.

Ein so oft gehörtes Programm läuft schnell Gefahr des zu Bekannten, doch Bell und die Academy gestalteten einen Abend, bei dem keine Langeweile aufkam, und der wieder einmal wahre Freude im Hörer hervorrief.

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