2020 gab es viele Geburtstage, die coronabedingt ins Wasser fielen und damit unbeachtet blieben. Derjenige zum 50. Jahr des Bestehens des Landesjugendorchesters Nordrhein-Westfalen konnte dagegen glücklicherweise mit einer Tour vom westlichen bis zum östlichen Rand des Bundeslandes gerettet werden. Station machte es dabei im Geburtsort des Chefdirigenten Sebastian Tewinkel, in Unna, wo auch ich aufwuchs. Unter dem Programmtitel liberté, der zudem die gewachsene Verbindung des Klangkörpers zu Frankreich würdigen sollte, wurde der übergroße Jubilar Beethoven zum definierenden Revolutionsgeiste auserkoren. Das ist einerseits leider nicht besonders originell, doch sollte mit der vom türkischen Starpianisten Fazıl Say für das Violinkonzert geschriebenen Kadenz eine Premiere eingezogen werden, die meine oberflächliche Haderei mit der Werkauswahl besänftigte. Genauso wie im Gesamten letztlich doch mit der Wiedergabe des Geigenklassikers sowie der Eroica an sich, bei der Solistin und Orchester – notabene aus dem auferlegten Anspruch heraus – erhoffte Frische einbrachten.

Landesjugendorchester NRW © Landesjugendorchester NRW
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Andererseits ist es nämlich eben das große klassische Standardrepertoire, um das die Arbeit des LJO NRW kreist, bei der sehr junge Spitzentalente an das professionelle Musikertum herangeführt werden. Zudem bietet es bestenfalls gerade die Chance, vermeintlich Wohlbekanntes mal mit neuem Blick zu beschauen. Zählen Stücke also zu den meistgespielten Platzhirschen des Konzertpodiums, lässt sich sowohl durch die Beherrschung des Ganzen auszeichnen als auch umso mehr beeindrucken, wenn sie – im Sinne des Komponisten – mit markant-interessanten Hörerfahrungen um die Ecke kommen. Dafür sorgte vor allem eben die ganz junge, aber schon preisüberhäufte Solistin Mira Foron, die sich barfuß und mit geschlossenen Augen standfest wie traumwandlerisch durch das Violinkonzert tänzelte. Sie zeichnete ein lieblicher, jedoch stets straffer, knackiger, vertrauensvoller Ton aus, der genauso weich von G- zur E-Saite glitt, wie mit dringend erforderlicher brüchiger Energie aufwartete. Dieses Brüchige und Energische ist es nämlich, das einen in Says Kadenz-Neuheiten in dessen unverkennbarer Sprache orientalischer Harmonien, (simultan-linke-Hand-)Pizzicati und den themaverwertenden Motivanläufen auf der G-Saite mit absurd-lukenden, glissandierenden Freiheitslockrufen an höchster Stelle der E-Saite anspringt.

Raffinierte harmonische Überleitungen nach wildem, besonders im dritten Satz, schroffem Erkämpfen (dort in der Zielerreichung mit gefundenen Pausen), ponticello- oder flautando-Unwägbarkeiten, gewitzte und rückschlagende Momente verdeutlichten nun in Beethovianischer Brückenbaumanier die Bahnung zur Freiheit, die er wie sein Vorgänger erwünscht und sich heute in verzweigten Spannungsfeldern bewegt. Andere Spannungsfelder taten sich im Dialog von Solistin und Orchester hingegen beispielsweise darin auf, dass Foron im Finale dankenswerterweise als Antreiberin und Aufbrecherin samt kerniger Funken das Staunen lehrte, nachdem Tewinkel das Tempo wie in allen Sätzen sehr klassisch, dazu mit einigen phrasierten Verbreiterungen, angegangen hatte. Etwas zurückhaltend kamen trotz punktgenauer Sforzati starke oder wellengeformte dynamische Kontraste hervor, wenngleich sie sukzessive verbindlicher wurden, während Foron mit abwechselnd luzider wie vollmundiger Brillanz faszinierte. Zwei entscheidende Betrachtungen noch, die auch zur Symphonie führen: sehr gut, dass sich Tewinkel für die für das Repertoire, die Strukturen und die Balance unerlässliche antiphone Aufstellung der Violinen entschied; weniger, dass die ganz harten, historisierenden Paukenschlägel nicht häufiger eingesetzt wurden.

Die Pauke spielt schließlich nicht nur im Violinkonzert eine tragende Rolle, sondern ebenso in der Eroica, bei der die überwiegende Verwendung der blanken Holzkopf-Sticks erstens noch stimmiger zu den wunderbar scharfen Akzenten, den freiheitsstrotzenden Trompeten und dem knackigen Horntrio gepasst hätte; zweitens zu der trotz Streichervibratos transparenten, griffigen Art des Orchesters im ersten Satz, die nur manchmal im Fortissimo ein kleinwenig an Kontur einbüßte. Geriet das Adagio assai leicht merkwürdig mit flüssigerem Tempo, loseren Einfällen von Pauken-Varianz, die Streichereffekte konterkarierten, sowie einem durch Wärme weniger wirkmächtigen Marcia funebre, war das lebhafte Scherzo mit den Schlägen und den Jagdhörnern artikulatorisch reizvoll in Szene gesetzt. Die schön konstant mit kaum bis gar keinem Vibrato agierenden, sattelfesten Holzbläser, das stechende Blech und die rasantere Geschwindigkeit, die alle meisterten, brachten die Zuhörer im Finale näher an die Originalität Beethovens. Und so schließlich mit hart krachenden Pauken, jubilierenden Hörnern und Trompeten sowie aufgetürmten Streichern das LJO NRW auf die Siegerstraße zur eigenen Geburtstagsparade. Bon anniversaire!