Vielzitiert ist der Ausspruch von Mariss Jansons, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks zu dirigieren sei „wie einen Rolls Royce zu fahren”. Wirklich hörbar wurde dies im gestrigen Programm im Herkulessaal, bei dem Jansons in Großbesetzung Beethovens „Eroica” so transparent und detailreich interpretierte und ein spektakuläres Erstes Violinkonzert von Sergej Prokofiev Seite an Seite mit dem Solisten Frank Peter Zimmermann präsentierte.

Frank Peter Zimmermann © Harald Hoffmann
Frank Peter Zimmermann
© Harald Hoffmann

Den Anfang des Programms bildete Rossinis Ouvertüre zur Oper Wilhelm Tell, dessen berühmt berüchtigtes Finale Jansons mit viel Effet und einer ordentlichen Portion Humor dirigierte. Die Symphoniker ließen es zwar hier – wie es sich gehört - ordentlich krachen, doch gerade die kammermusikalische Landseeligkeit in Solocelli und Oboe zu Beginn der Ouvertüre machten den wirklichen Charme der Interpretation aus. Mit lyrischer Kraft und langen fließenden Bewegungen entwickelte Jansons die großen lyrischen Linien der Solostimmen und frönte seiner großen Leidenschaft der Oper, der er als Chef eines Symphonieorchesters viel zu selten huldigen kann. Kein Wunder also, dass Jansons die Ouvertüre die Farbigkeit und Ausdruckskraft der großen Oper atmen ließ.

Das Violinkonzert von Sergej Prokofiev gestaltete Zimmermann lyrisch nuanciert und mit höchster technischer Virtuosität. Der höllische zweite Satz, der mit Pizzicati, Doppelgriffen und der Prokofiev so eigenen Groteske gespickt ist, spielte Zimmermann technisch so überlegen und mit klarem Klang, dass man sich die Augen rieb. Geradezu magisch formte der Duisburger kontrastierend dazu das idyllische Thema des ersten Satzes, das in seiner herben Brillanz ein wenig an Sibelius erinnerte und das Zimmermann mit dem ein oder anderen geschmackvollen Seufzer emotional auflud. Zimmermann und Jansons gingen im Zusammenspiel dabei eine so feine organische Verbindung ein, dass sich ihr Spiel wie selbstverständlich ineinander verzahnte. Die Symphoniker des Bayerischen Rundfunk begleiteten Zimmermann zurückhaltend dezent, setzten allerdings auch eigene Akzente und produzierten im Finale einen herrlich grundierten Klang.

Beethovens Dritte Symphonie, die ihrerseits eine in symphonische Form gegossene Huldigung der französischen Revolution darstellt und sich selbst in vielen Momenten revolutionär gebärdet, gestaltete das BRSO in all seinen reichen Facetten. In dieser Interpretation klang nichts nach einem Repertoirestück oder nach Standardware. Das sanglich heroische Thema des ersten Satzes, der folgende dunkel-düstere Trauermarsch, das sorglose Scherzo oder das jubelnde Finale gestalteten die Musiker mit packender Intensität und trafen trotz des üppigen Orchesteraufbaus genau die richtige Balance zwischen den Klanganforderungen der späten Wiener Klassik und den dramatischen Ansprüchen einer Symphonie Beethovens.

Die Musiker klangen kompakt und erdig aber gleichzeitig keinesfalls erdrückend, sondern phasenweise richtiggehend luftig und sommerlich. Besonders bestach das Orchester durch seine Solisten, die der Interpretation eine ungemeine Farbigkeit verliehen. Schmerzlich emotional entwickelte Jansons den Marcia funebre im zweiten Satz, mit dem Beethoven einen Vorläufer für eine lange Trauermarschtradition in der Symphoniegattung schaffen sollte – man denke nur an Gustav Mahler oder Hector Berlioz‘ Symphonie fantastique. Ebenso spannend war es, wie Jansons im Scherzo die majestätischen Streicherfiguren gegen die pastoralen Hörnerklänge aufwiegelte und den herben Charakter des dritten Satzes markierte. Mit großer Detailversessenheit schälte Jansons die verschiedenen Instrumentengruppen heraus und gestaltete eine Interpretation von ungeheurer plastischer Intensität und Greifbarkeit. Fulminant mitreißend schließlich das Finale in einer energetischen Höchstleistung, und die großzügigen Beifallsbekundungen des Publikums waren dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks wirklich zu gönnen.

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