Deutliche Schlaglichter wirft das kommende Beethoven-Jahr bereits im Musikbetrieb voraus. Beethovens Geist erhellt schon so manches Konzertprogramm. Nun ist das Repertoire ja weitgehend bekannt. Gibt es da noch Neues zu entdecken? In Baden-Baden machte es Lahav Shani mit seinem Rotterdam Philharmonic Orchestra möglich. Denn zwischen dem Vierten Klavierkonzert und der Siebenten Symphonie waren ungefähr sieben Minuten Musik zu hören, die – jedenfalls im Wesentlichen – von Beethoven stammt, die kaum aber jemand kennt.

Lahav Shani © Manolo Press | Michael Bode
Lahav Shani
© Manolo Press | Michael Bode

Kurz nach seiner Ankunft in Wien komponierte der damals zweiundzwanzigjährige Beethoven ein Oboenkonzert, von dessen Existenz die Nachwelt deswegen nichts erfuhr, weil es nie gedruckt wurde. Überliefert sind nur wenige Skizzen, darunter der zweite Satz, ein fragmentarisches Largo mit einer ausgeführten Solostimme und einer lückenhaften Klavierbegleitung. Für das Rotterdamer Orchester hat der niederländische Komponist Cees Nieuwenhuizen daraus fantasievoll eine Orchesterfassung rekonstruiert, die nun im Festspielhaus erklang.

Das reizvolle Jugendwerk klingt allerdings noch weniger nach Beethoven, sondern ist in seinem pastoralen Charakter eher noch dem galanten Stil verpflichtet. Mit langem Atem, ausgeprägt cantabel und in makellosem Legato, angereichert mit einer kurzen Kadenz präsentierte Karel Schoofs, Solooboist in Rotterdam, die weit ausschwingende Melodie dieser Beethoven-Rarität. Der aufmerksamen Begleitung widmete sich das Orchester mit hohem Feingespür für die lyrische Stimmung des Satzes.

Wenn auch nicht uninteressant, so ist dieses Largo dennoch gleichsam nur eine Beethoven-Bagatelle. Was aber darum herum geschah, war zum Faszinieren angetan. Nicht was, sondern wie es gespielt wurde, war hier außergewöhnlich. Lahav Shani, zu Recht gerühmter Shooting-Star und gerade mal 30 Jahre alter Chef der Rotterdamer Philharmoniker, machte in diesem Konzert seinem Ruf als überragender Musiker gleich zweimal alle Ehre – als Pianist und Dirigent.

Lahav Shani © Manolo Press | Michael Bode
Lahav Shani
© Manolo Press | Michael Bode

Bereits die Eröffnung des ersten Satzes im Klavierkonzert zeugte beredt von seinem differenzierten Piano-Spiel. Klanglich hoch sensibel und dynamisch fein nuanciert klangen diese wenigen solistischen Takte. Vom Flügel aus ging ihm als Dirigent auch kein Detail im Orchester verloren, jede Stimme kam zu ihrem Recht. In exzellent abgestimmtem Wechselspiel gingen die Themen zwischen Solist und Orchester hin und her. Die von Beethoven auskomponierte diffizile, lange Kadenz präsentierte Shani in stupender Technik und phänomenaler Brillanz.

Zum Höhepunkt geriet der zweite Satz. Von extremsten Polen der Empfindung gehen am Anfang Orchester und Solist aus: dieses strikt und schroff in markantem Staccato, jener zart, versonnen und äußerst gesanglich. Die Positionen scheinen unversöhnlich. Doch im Laufe dieses kurzen Andantes siegt das Weiche über das Harte. Shani und sein Orchester gestalteten daraus einen ungemein spannenden Wettstreit, ein Musterbeispiel konzertierenden Spiels. Im wahrsten Sinne wunderbar, wie das Orchester nach und nach dem sanften Klavierspiel des Pianisten folgte, sich ihm schließlich unterwarf. Das attacca folgende Rondo-Vivace ließ an Vitalität nichts zu wünschen übrig. Erlebt werden konnte auch hier eine wohl vollkommene Übereinstimmung musikalischer Ausdruckskraft und Empfindung zwischen Solist und Orchester.

Derart überragende Qualitäten prägten nach der Pause auch die Siebente Symphonie. Hier bestach zusätzlich die fulminante rhythmische Präzision. Auswendig dirigierend und mit vollem Körpereinsatz feuerte Shani sein Orchester mit furiosem Temperament an. Rasante Dynamik und zugleich markante Pointierung zeichneten das Spiel aus. Deutlich hörbar war die subtile Probenarbeit, dem Orchester entging kein einziges Detail an Nuancierung im Ausdruck. Zu spannenden Momenten gestaltete Shani die retardierenden Übergänge zu den Trios im Scherzo. Immer wieder begeisterten die Holzbläser, die besonders hier mit reichen Klangfarben hervortraten. Aber auch die weiche, füllige Tongebung der Hörner und die strahlenden Trompeten trugen das Ihre zum transparenten Klangbild des gesamten Orchesters bei. Ein schier nicht endender Sog entwickelte sich im Finalsatz, ein Beethoven'sches Brio, wie es packender nicht hätte sein können.

Wenn im Jubiläumsjahr Beethoven immer so frisch und inspiriert klingt, wie ihn Lahav Shani mit seinem Orchester an diesem Abend interpretierte, dann kehrt in den Konzertsälen bestimmt keine Langeweile ein.

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