George Bizet erlebte den Welterfolg seiner Oper Carmen zwar selbst nicht mehr mit, dennoch nahm sein Werk eine solch populäre Stellung ein, dass der große Schostakowitsch darauf verzichtete die Musik zu arrangieren, als ihn die Bolschoi Primaballerina Maja Plissezkaja darum bat. Auch ihr Mann, Rodion Schtschedrin, zögerte bevor er sich der Sache annahm. Für das Benefizkonzert zu Gunsten des SZ-Adventkalenders hatte Mariss Jansons die Carmen-Suite Schtschedrins auf das Programm mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gesetzt und gratulierte auf diese Weise seinem Freund, der im Dezember seinen 85. Geburtstag feiert. Die Einnahmen des Konzerts werden Münchnern in Not zu Gute kommen.

Mariss Jansons © Brescia & Amisano
Mariss Jansons
© Brescia & Amisano

In seinem Werk, das als Ballett konzipiert war und 1967 uraufgeführt wurde, bediente sich Schtschedrin zwar der Opernohrwürmer von der „Habanera“ bis zum „Toreador“, bei der Instrumentierung allerdings war er dafür umso radikaler. Kompletter Verzicht auf Holz- und Blechbläser und dafür ein Orchester aus Streichern und 47 Schlaginstrumenten veränderten den Charakter des Werkes ungemein. Diese Version, die die Musik rhythmisch geschärft mit deutlichen Stimmungswechseln versieht, machte den Symphonikern des Bayerischen Rundfunks sichtlich Spaß.

Für den Zuhörer erschienen dabei die ungewöhnliche Instrumentation – das Ouvertüren-Thema auf der Marimba oder das ebenso berühmte Intermezzo als Streichersatz mit dezenter Schlagwerkbegleitung – fast schon natürlich und boten einen erfrischend anderen Blick auf die oft gehörte Musik. Darüberhinaus baute Schtschedrin auch Themen aus anderen Werken Bizets in seine Suite ein. So wird aus der „Farandole“ aus der zweiten L’Arlésienne-Suite kurzerhand ein Bolero.

Jansons gestaltete jedes Detail mit absoluter Präzision aus und selbst noch so unwichtig erscheinende Triangelschläge bekamen genaue Zeichengebung. Die dreizehnsätzige Suite interpretierte Jansons in flotten Tempi und ließ besonders im zweiten Satz die tänzerischen Rhythmen und das spanische Flair mit satten Streicherphrasen sprühen. Aber auch in anderen Passagen setzte Jansons auf die bildhafte Kraft, die die farbenprächtige Suite zu bieten hatte. Die Habanera erhielt richtiggehend herausfordernden Charakter und der Torero schien in seiner Eitelkeit kaum zu übertreffen. Die Symphoniker ließen sich auf die rhythmischen Feinheiten des Werks ein und hatten sichtlich Spaß beim Musizieren. Die Begeisterungsstürme für Orchester, Dirigent und Komponist, der unter den Zuhörern war, ließen am Spaß der Zuhörer ebenfalls keinen Zweifel.

Der Carmen-Suite ging in der ersten Hälfte das Vierte Klavierkonzert von Beethoven voraus. Zusammen mit Solist Yefim Bronfman interpretierten die Symphoniker des BR das Konzert mit ebenso großer Spielfreude wie später die Carmen-Suite. Die perligen Läufe des Kopfsatzes schüttelte Bronfman dabei in spektakulärem Tempo und mit höchster technischer Präzision aus dem Ärmel. Gleichzeitig klangen die Läufe sehr rund und besonders im oberen Register bekam sein Ton eine großartige Brillanz.

Allerdings klang der erste Satz Dank der ganzen technischen Perfektion an mancher Stelle noch ein wenig nach Routine. Im Finale hingegen vibrierten schließlich die Themen vor Lebendigkeit und Spielwitz. Etwas Ähnliches erlebte man auch in den Solokadenzen, die Bronfman in wahrer Virtuosen-Manier ausformte und die fast rhapsodischen Charakter erhielten. Den vehementen Gegensatz zwischen Orchester und Solist im Andante entwickelten beide Seiten sehr konsequent, wobei Bronfman das Pedal nur sehr dezent einsetzte. So entwickelte sich der Satz nachdenklich und nüchtern als geschmackvoller Ruhepol.

Im Zusammenspiel mit Bronfman stellten sich die Symphoniker ganz in den Dienst ihres Solisten und waren klanglich stets sehr transparent und nie erdrückend. Allerdings setzten sie auch ihre eigenen Akzente. So entlockte Jansons den Symphonikern des BR eine farbige Sanglichkeit und setzte gleichzeitig rasante Kontrapunkte zu der lyrischen Einleitung des Konzerts – warme Holbläser- und heroische Hornklänge inklusive.

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