Das Opernhaus war ausverkauft an diesem ersten Philharmonischen Konzert des Jahres und das lag nicht nur an der Vielzahl von Abonnenten, sondern auch daran, dass Fabio Luisi mit der Philharmonia Zürich in Tschaikowskys Fünfter einen Leckerbissen der russischen Romantik präsentierte. Hier kommen die anerkannten Qualitäten des Orchesters voll zum Tragen, besonders in der Akustik des Theatersaals. Dies ließ ein Erlebnis allererster Güte erwarten, zumal mit Beethovens lyrischem Klavierkonzert Nr. 4 ein populäres Instrumentalkonzert den Abend eröffnete.

Hélène Grimaud © Mat Hennek | Deutsche Grammophon
Hélène Grimaud
© Mat Hennek | Deutsche Grammophon

Mit Hélène Grimaud wurde eine vielseitig und international tätige Künstlerin verpflichtet, die sich schwer in ein Schema einordnen lässt. Das drückte sich nicht nur in ihren Interpretationen aus und in der Art, wie sie sich in ihrer Kleidung in der Vergangenheit oft dezidiert vom konventionellen Konzertbetrieb abhob. Wer allerdings dachte, dass die jetzt kurz geschnittenen, grauen Haare Ausdruck einer tiefgreifenden künstlerischen Wandlung oder Läuterung sind, hat diesen Gedanken rasch fallengelassen. Dagegen sprach schon der nach wie vor jugendliche, manchmal beinahe schalkhafte Gesichtsausdruck, die Frische, mit der sie musizierte, der oft leicht verträumt lächelnde Blick auf das Instrument während des Spiels, wobei die Lippenbewegungen gelegentlich denken ließen, sie spreche mit dem Flügel. Das sind natürlich nur Äußerlichkeiten – was primär interessierte waren die Klänge, die das Ohr erreichten.

Schon das einleitende Solo offenbarte Eigenheiten in Hélène Grimauds Spiel: weich, die Staccati kaum als solche erkennbar, betont lyrisch, Phrasen gestaltend, auf dem Höhepunkt betont lange verharrend. Luisi nahm das Tempo der Pianistin auf und beschleunigte erst mit dem Einsatz der Bläser unmerklich. Ohrenfällig war schon im ersten Thema die ausgesprochen sorgfältige, detaillierte Artikulation, die austarierte Dynamik, die dem Werk trotz der Größe des Klangkörpers zuweilen eine kammermusikalische Note verliehen. Im Solopart wurden Beethovens Spielanweisungen zwar durchaus befolgt, doch dominierten der weiche Anschlag, der musikalische Fluss, der Schwung mit dem die Pianistin die großen Bögen gestaltete. Im Bereich der Artikulation in Motiven und der Agogik bieten andere Interpreten deutlich mehr. Auffälliger noch war das Wechselbad zwischen lyrischen Segmenten und impulsiven Partien, in denen die Pianistin vorwärtsdrängte, dabei nebst ausgeprägtem Rubato eher willkürliche Temposprünge vollführte. Nahezu regelmäßig setzte sie zu Beginn eines Solos ein rascheres Tempo an, drängte danach eher vorwärts, als je merklich zu verlangsamen. Fabio Luisi tat sein Möglichstes, mit der Solistin gleichzuziehen, doch waren diese Bemühungen nur teilweise von Erfolg gekrönt. Die Koordination im Orchester war gelegentlich eher mangelhaft. Das traf noch vermehrt auf den Schlusssatz zu. Beinahe schien es, die Philharmonia sei von den Ansprüchen der Solistin etwas gestresst. Technisch zeigte letztere keinerlei Schwächen – Läufe und Skalen waren bemerkenswert glatt. Man kann ihr nicht vorwerfen, sie ziele in ihrer Interpretation auf vordergründige Virtuosität ab, aber dennoch war der Willkür und Impulsivität etwas zu viel. Am besten gefiel der Mittelsatz. Solo und Begleitung alternieren in eigenständigen, stark kontrastierenden Rollen – schroff das Orchester, flehentlich singend das Klavier – wobei vielleicht das Arpeggiando-Spiel etwas sehr ausgeprägt war.

Fabio Luisi und die Philharmonia Zürich © Monika Rittershaus
Fabio Luisi und die Philharmonia Zürich
© Monika Rittershaus

Der Höhepunkt des Abends folgte nach der Pause. Bei Tschaikowsky Fünfter konnten sich die Philharmonia und Fabio Luisi auf der Höhe ihres Könnens präsentieren: hervorragend in der auffällig sorgfältigen (aber nicht akademischen) Artikulation, der maßvollen Dynamik und der Klarheit und Transparenz. Einmal mehr wusste Luisi die Eigenheiten der Theaterakustik zum Vorteil romantischer Musik zu nutzen. Nie war die Aufführung pure Show, nie entstand der Eindruck von dominierendem oder gar erdrückendem Blech. Hier überwogen die Streicher mit sattem Ton, die Holzbläser im Mittelfeld – allen voran die Klarinette, ebenso Oboe, Fagott und Flöte – kamen wunderschön zur Geltung. Beim Blech (ausgezeichnet die Hörner) und den Pauken sorgte die Tiefe der Bühne für einen perfekt ausgewogenen Klang. Im zweiten Satz schaffte es der Dirigent, der Musik zeitweilig eine kammermusikalische Note zu verleihen. Die Gestaltung überzeugte in Agogik und der beeindruckenden dynamischen Breite. Im Tempo war Luisi im Allgemeinen maßvoll. Er mag gelegentlich von den Partiturvorgaben etwas abgewichen sein, immer aber schien sein Konzept schlüssig und überzeugend. Einzig in den Sechzehntel-Figuren im Mittelteil des Valse forderte der Dirigent das Orchester bis an die Grenzen des technisch Möglichen. Der Schlusssatz könnte auch mit „gebändigte, große Emotionen“ überschrieben sein. Bewundernswert war die ausgezeichnete Führungsarbeit der ersten Pulte, allen voran des Konzertmeisters. Insgesamt war die Symphonie ein Höhepunkt zum Beginn des Konzertjahres!

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