Weder die sommerlichen Außentemperaturen von 36 Grad noch der beinahe zeitgleich stattfindende EM-Achtelfinalkracher England gegen Deutschland konnten das Publikum davon abhalten, in (coronabedingt immer noch etwas reduzierten) Scharen zu einem besonderen Festkonzert in den Stefaniensaal zu pilgern. Wagner, Strauss und Beethoven standen am Programm, als die Grazer Philharmoniker ihr 70. Jubiläum nun endlich auch live in einem Konzert vor Publikum begehen konnten. Am Pult stand an diesem Abend Adam Fischer, der einst in Graz als Korrepetitor seine Karriere begann und der über seine lange Verbundenheit mit dem Orchester anlässlich dieses Jubiläumskonzerts meinte: „Die Grazer Philharmoniker und ich sind zusammen alt geworden, und doch jung geblieben.“

Adam Fischer mit den Grazer Philharmonikern
© Musikverein Graz

Wie gut Orchester und Dirigent miteinander harmonieren, wurde vom ersten Ton an deutlich; die Musiker lasen Fischer jeden Wunsch von den Augen und dem Taktstock ab und boten nicht nur höchste Präzision und fein abgestufte Dynamik, sondern auch einen großen Reichtum an klanglichen Farben, Schattierungen und Emotionen. Mit dunkel schwelenden Streichern malte das Orchester etwa in Ludwig van Beethovens Egmont-Ouvertüre die Schicksalsschwere in den Saal, der finale Donner der Trompeten erklang wie ein trotziger Jubelrausch am Weg in den Tod. Entrückt und wie aus einer anderen Welt wirkten danach beim Vorspiel zu Tristan und Isolde zunächst die Streicher, die beinahe unhörbar zart einsetzten bevor mit innerem Drängen das gesamte Orchester schließlich zu einer atmosphärisch unheimlich dichten Klangwolke anschwoll. Dabei arbeitete Fischer jedes noch so kleine Detail in Richard Wagners Partitur fein heraus und hielt das Orchester sowohl im Vorspiel als auch beim Liebestod zu einem so effektvollen Changieren zwischen wallendem Gefühlsausbruch und sanfter Innigkeit an, dass ich in diesem Klang liebend gerne versunken und ertrunken wäre.

Aus den geistigen Sphären wieder auf den Boden der feierlichen Tatsachen zurück geholt wurde der Abend in Folge mit dem Vorspiel zu Die Meistersinger von Nürnberg; mit starkem innerem Drive bot das Orchester überbordende Lebensfreude. Adam Fischer hielt die Musiker dabei zu kontrollierter Ekstase an, Streicher und Bläser traten in einen temperamentvollen Dialog und ließen die Funken nur so sprühen. Ebenso energisch ging es in das letzte Stück des Abends, die Suite aus Richard Strauss‘ Der Rosenkavalier. Die Hörner erledigten dabei den heiklen Balanceakt, orgiastisch zu klingen, ohne allzu schrill zu werden, mit Bravour. Aber nicht nur mit üppigem Klang und flotten Tempi überzeugte das Orchester auf ganzer Linie: Die Präsentation der silbernen Rose schimmerte und glänzte wie ein Luxus-Juwelier-Geschäft am Kohlmarkt, die Walzer-Passagen zeichneten sich durch leicht verzögerte Donauwellen mit Wiener Eleganz aus und die Solo-Geige sorgte im Schlussterzett für Gänsehautmomente und feuchte Augen.

Als Zugabe erklang schließlich noch der Dynamiden-Walzer von Josef Strauss (den Richard Strauss übrigens im zweiten Akt des Rosenkavaliers im Leiblied des Baron Ochs zitiert hat); angekündigt mit einem Augenzwinkern als Stück „zum Beginn des neuen Halbjahres“ von Adam Fischer und vom Orchester in einem berückend schönen Mix aus Melancholie und Beschwingtheit umgesetzt.

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