Vom Terroranschlag in Paris noch sichtlich schockiert widmeten Fazil Say und Andrey Boreyko zusammen mit dem Belgischen Nationalorchester das Konzert in der Tonhalle Düsseldorf den Opfern des Anschlags, der erst zwei Tage zurück lag. Kraftvoll und dynamisch war das Konzert wie ein Aufbäumen gegen die Grausamkeiten auf der Welt.

Andrey Boreyko © Richard de Stoutz
Andrey Boreyko
© Richard de Stoutz

In Rimsky-Korsakows Symphonischer Suite Scheherazade tritt ein Thema in der Violine symbolisch für die Erzählerin auf und kehrt im Laufe der „Geschichte“ immer wieder. Konzertmeister Alexei Moshkov gestaltete dieses Thema wie eine lebendige Erzählung sehr abwechslungsreich, angefangen mit einer klaren Nüchternheit über flehende Sehnsucht bis hin zum heißblütigen Schluss, der mit viel Bogen einen energischen Charakter erhielt. Das Erzähler-Thema in der Solovioline dient als Einleitung oder Vorankündigung an das darauffolgende Tutti, so dass, als das Thema des Konzertmeisters mit großem Vibrato erklang, auch das gesamte Orchester mit ausdrucksvollem Vibrato nachzog.

Der vierte Satz ist von inhaltlicher Vielfalt geprägt, nicht nur programmatisch, sondern auch in der Instrumentierung. Trotz dieses Reichtums an unterschiedlichem Material wurden alle Elemente im Orchester ausgewogen und transparent vorgetragen, um ein gegenseitiges Vermischen zu vermeiden. So taten sich mal die Klarinetten hervor, die sich in einem Hin- und Herschwanken in die Höhe schraubten oder beschwingte Flöten, von satten Bratschen-Pizzicati begleitet. Das Finale mit seinen ineinander verwobenen Stimmen wurde über alle Register hinweg äußerst breit aber zielgerichtet gestaltet und kam so zu einem voluminösen, fulminanten Schluss.

Ebenso facettenreich interpretierte Say auch Ravels Klavierkonzert in G-Dur. Tonrepetitionen wurden mit winzigen Nuancen farbig gestaltet und während in der rechten Hand trällernde, helle Läufe erklangen, durfte man von der linken Hand eine mehrstimmige Basslinie verfolgen, in der jede Stimme differenziert zu hören war. Gebannt konnte man dann vom zweiten Satz sein, als Say in einer Kombination aus Festigkeit in der rechten Hand und einer lockeren Bestimmtheit in der Linken den Beginn mit lyrischer Gedämpftheit dahinfließen ließ. Dazu kamen das durchdringende Flötensolo und die sanfte Streicherbegleitung, die Flöte und Klavier wie in Watte zu packen schienen.

Fazil Say © Marco Borggreve
Fazil Say
© Marco Borggreve

Fazil Say ist jedoch nicht nur als herausragender Pianist, sondern auch als Komponist bekannt, und legte zu Beginn des Abends in seinem Dritte Klavierkonzert Silence of Anatolia seine Empfindungen offen. Mit einem nahezu durchgehend offenen Pedal verschmolzen die schnellen, sich wiederholenden Sechzehntelbewegungen zu einem sphärischen Klang. Inmitten dieses Klangteppichs ertönten dumpfe Bässe und helle Töne in den hohen Lagen. Repetitionen in der linken Hand ließen an einen pochenden Schmerz denken, den Fazil Say am Klavier hörbar machte.

Nach dem sanft gehaltenen ersten Satz wurde der zweite Satz mit markerschütternden Trommelschlägen eingeleitet; im Klavier setzte sich die Härte im Spiel fort. Jeder Anfangston einer kreisenden Gruppe im Lauf in die hohen Lagen wurde akzentuiert angeschlagen, als wolle Say Markierungen setzen. Seine Kadenz, die gleichzeitig den dritten Satz bildet, entwickelte sich von einer sanft gespielten Melodie zu einem mit immer größerer Härte gespielten Satz, nur die impulsiven Akkorde wurden mit spielerischen Vorschlägen entschärft. Wiederkehrende, einschneidende Trommelwirbel im letzten Satz wurden seitens des Klaviers mit kühlen und klaren Sechzehntelelementen beantwortet.

Das Notenmaterial des Konzertendes ist zwar das gleiche, jedoch klang es nicht mehr wie zu Beginn in einer abgehobenen Farbe, sondern ganz gegensätzlich, durchdringend und bodenständig, als wolle man die Gedanken, in die man erst versunken war, wieder in die Realität holen. Dies ist ein Sinnbild für Fazil Says Spiel selbst, denn sobald er mit dem Spielen begonnen hatte, musizierte er ganz versunken in die Musik, mit dem gesamten Körper. Typische Gesten mit der linken Hand, Mimik und Drehungen des Oberkörpers waren zu sehen, während Say sich anscheinend in seiner eigenen Welt befand. Selbst ein Mitsummen, viel stärker ausgeprägt jedoch in Ravels Klavierkonzert, war vom Pianisten zu vernehmen.

Auffallend viel Gestik oder gar Gesang werden vom Publikum oft als Störend empfunden, bei Say wirkte das Ganze jedoch natürlich und in keinerlei Hinsicht irritierend. Fazil Say ist ein Musiker von großem Einfühlungsvermögen, dem es möglich ist, seine Interpretationen durch Schattierungen, selbst im repetierenden Spiel, lebendig und farbenreich zu gestalten. Das macht es wahrlich zu einem Erlebnis, Fazil Say am Klavier zu hören.