In seiner letzten Spielzeit als Chef der Berliner Philharmoniker dirigiert Sir Simon Rattle vor allem die Werke, die ihm besonders am Herzen liegen. Strawinsky gehört zu seinen Lieblingskomponisten und dessen Petruschka zu seinen Lieblingswerken. Es kommt ihm als Schlagzeuger entgegen, dass die Partitur voller rhythmischer Finessen ist, weswegen die Tanzszene zwischen der Prinzessin und dem Mohren zu den charakteristischen Momenten der Aufführung gehört. Strawinsky kombiniert in ihr einen Tanz im 3/4-Takt mit dem unbeholfen-tapsigen Motiv des Mohren im 2/4-Takt, wodurch hörbar wird, dass die beiden Personen nicht zueinander passen. Wenn man ganz genau zuhört, dann vernimmt man sogar, wie der Tollpatsch der graziösen Ballerina auf die Füße tritt.

Berliner Philharmoniker, Sir Simon Rattle und Unsuk Chin © Monika Rittershaus
Berliner Philharmoniker, Sir Simon Rattle und Unsuk Chin
© Monika Rittershaus

Rattle ist ein Meister des Details und sein präzises Dirigat glättete nichts in Strawinskys erster modernen Partitur, die allem organischen Komponieren entgegengesetzt ist. Der Stoff inspirierte ihn dazu, eine Montagetechnik zu entwickeln, mit der sich Versatzstücke aus russischen Volksliedern und Tänzen zu einer musikalischen Collage zusammenfügen ließen. Wie mit der Schere arbeitete Rattle, um Strawinsky nachzufolgen, der sich das heterogene Material aus der musikalischen Vergangenheit herausgeschnitten und dann übereinander geschichtet hat, um ein baukastenartiges Mosaik aus Motivzellen erklingen zu lassen. In den äußeren Bildern kam ein buntes Treiben auf dem Jahrmarkt auf, in den mittleren Sätzen der Konflikt der drei Puppen, die in dem von Emmanuel Pahud vorzüglich geblasenen Flötensolo im ersten Bild zum Leben erweckt worden sind. 

In Rattles Interpretation entstand eine klingende Choreographie, in der die dramatische Konzeption der Partitur deutlich hervortrat. Zur Charakterisierung des zwischen hässlichem Äußeren und tiefer Seele gespaltenen Petruschka bediente sich Strawinsky seiner so reichen Palette an Ausdrucksmöglichkeiten. Und wer über so vielseitige Musiker verfügt wie Rattle, der kann die hölzerne Verzweiflung zum Klingen bringen. Dass alles am Ende ein Spiel ist, weiß Rattle – und darum gelang ihm die Aufführung bis in die letzten Takte hinein. Das Ballett endet nicht mit dem Tod Petruschkas, sondern damit, dass der innere Petruschka aufsteigt und allen eine Nase zeigt. Diese Pointe ließ sich Rattle nicht entgehen und das Orchester wusste diese Ironie delikat zu gestalten.

Nach der Pause wurde Chorós Chordón uraufgeführt, das die südkoreanische Komponistin Unsuk Chin im Auftrag der Stiftung Berliner Philharmoniker geschrieben hatte. Der griechische Titel lässt sich als Tanz der Saiten übersetzen. Nach ihren eigenen Worten ließ sie sich durch „kosmologische Konzepte und Szenarien vom Anfang bis zu einem möglichen Ende des Universums“ zur Komposition dieses Werkes inspirieren. Götz Teutsch hatte in seinem Einführungsvortrag empfohlen, die Augen zu schließen, um die völlig neuartigen Klänge besser aufnehmen zu können. So hörte man, wie Rattle die zunächst Geräusche intonierenden Streicher schrittweise melodische Konturen gewinnen und sich alle Instrumente zu einem Tanz zusammen finden ließ, bevor das eben Entstandene im Kältetod erstarrte. Ein zweites Wachstum könnte beginnen, doch die Fortsetzung bricht abrupt ab, und das Ende bleibt offen.

Schließlich erklang Rachmaninows Dritte Symphonie. Sie bildet in vielerlei Hinsicht einen Gegenpol zu Petruschka. Im Unterschied zu der Strawinskys ist Rachmaninows Musik, so oft er auch in wenigen Takten vom Schmachten in Härte umschlägt, dem organisch-entwickelnden Komponieren verpflichtet. Und während Strawinsky ein dramatisches Bühnengeschehen musikalisiert, sucht Rachmaninow, die Gegensätze im epischen Erzählen auszuloten und sein Inneres hörbar zu machen. Zu Beginn erklingt ein Motiv, das dem russischen Kirchengesang entlehnt ist. Es fungiert als Motto, mit dem die ganze Komposition insofern zusammengehalten ist, als alle drei Sätze mit ihm beginnen und enden. Rattle ließ es wunderbar leise wie ein „Es-war-einmal“ erklingen und stieß den Hörer dann unvermittelt mit dem wuchtigen zweiten Motiv in die Gegenwart zurück. Aus dieser Antithese ließ er den Prozess der gesamten Symphonie entfalten.

Rattle weiß um die Gefahr, Rachmaninow aufzuführen. Die Süße und das Schwelgen seiner Musik verführen andere Dirigenten oft dazu, die Entwicklungen der Motive im Schmelz aufzuweichen. Mit sorgfältiger Akribik verwandelte er das gesangliche Seitenthema des Kopfsatzes Schritt für Schritt in eine grausame Prozession. Im mittleren Satz intonierten die Musiker mit aller Inbrunst eine russische Romanze. Als Rattle im Mittelteil mit gesteigerter rhythmischer Energie einen grotesken Tanz bizarr und grell aufklingen ließ, gehört dies zu den am besten gelungenen Teilen der Aufführung. Im Finale arbeitete sich das Orchester mit großer Anstrengung in das Fugato hinein, das eine wilde Jagd hörbar machte. Dann erklang das Dies irae-Motiv, das in der Tradition stets als Todesbote in ein Werk tritt. Doch wie lässt sich verstehen, dass diese nach A-Dur aufgelichtet wird? Rattle wollte dies nicht entscheiden, und ließ so die Symphonie vieldeutig mit gebrochener Apotheose enden.

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