Es ist keinesfalls anrüchig zu verstehen, die Münchner Philharmoniker am Samstagabend in der Isarphilharmonie als Tanzkapelle zu bezeichnen. Denn statt einer schwerblütigen Schostakowitsch-Symphonie spielten die Philharmoniker dessen Suite für Varieté-Orchester, die Mitte der 1950er-Jahre als Potpourri verschiedener Filmmusikstücke und einem Tanz aus dem Ballett Der klare Strom entnommen sind, und die mit Gitarre, Akkordeon sowie Saxophonen das Symphonieorchester in Richtung Varietémusik rückt. Am berühmtesten ist dabei der Walzer Nr. 2, der mittlerweile als Sinnbild für den großen russischen Melancholie-Walzer steht.

Jess Gillam
© Robin Clewley Photography

Fast schon etwas augenzwinkernd-ironisch wirkte da die Geradlinigkeit und Schnörkellosigkeit, mit der Dirigent Wayne Marshall die Märsche und Tänze abspulte. Größtmöglich sollte wohl der Kontrast zum Symphoniker Schostakowitsch sein. Umso klangsinnlicher präsentierten sich die drei Walzer der Suite, bei der gerade nicht der Zweite, sondern der Lyrische Walzer die größte Tiefe entwickelte. Noch fließender und melancholischer klangen hier die Philharmoniker und trafen die Seele der Musik auf den Punkt.

Zuvor hatte das Orchester das Programm bereits mit Leonard Bernsteins Suite aus dessen frühem Broadwayerfolg On the Town eingeleitet. Marshall – ausgewiesener Experte für die amerikanische Moderne – entlockte den Philharmonikern in den drei Tanzepisoden richtiggehend jazzig-swingenden Charakter mit viel rhythmischem Freiraum für die Solisten im letzten Satz Time Square 1944, den diese bereitwillig ausnutzten. Die Tempi, die Marshall dabei wählte, waren zügig, mitunter rasant – im Ergebnis machte es so umso mehr Spaß.

In kompakterer Besetzung spielten die Philharmoniker Darius Milhauds Suite Scaramouche für Saxophon und Orchester, mit der jungen Britin Jess Gillam also Solistin, die 2018 bei der Last Night of the Proms in der Royal Albert Hall mit eben jenem Werk ihren internationalen Durchbruch feierte. In München konnte man erleben, warum sie schon mit 23 Jahren zu den Stars der Klassikszene gelten darf. Ihre Technik ist makellos, ihr Ton klar und warm. Extreme lotete Gillam vor allem in der Dynamik aus und ließ daraus die musische Atmosphäre erwachsen. Ganz deutlich wurde das im nocturnehaften Mittelsatz Modéré, den Gilliam verträumt und sotto voce vortrug. Die Philharmoniker ließen sich auf diese Grübelei ein und bildeten so einen wunderbaren Kontrast zur nachfolgenden Tänzerischen Suite für Jazzband und großes Orchester von Eduard Künneke.

Bekannt ist Künneke mittlerweile fast nur noch durch seinen Operetten-Schlager Der Vetter aus Dingsda. Spannend ist diese als Radiomusik für die erste Funkausstellung in Berlin komponierte Suite aber vor allem, da Künneke auf geradezu eklektische Weise den Klang der Goldenen-Zwanziger-Jahre zusammenführt. Alt und Neu wollte Künneke einerseits mit Jazzband und Symphonieorchester zusammenbringen, Gleiches passiert aber auch musikalisch. Walzer trifft auf Tango trifft auf Foxtrott und am Ende verschmelzen die Rhythmen breitbandigen Sounds, die Jahrzehnte später als typisch für Hollywood gelten sollen. Marshall fand auch bei dieser Kleinteiligkeit der musikalischen Ideen eine stringente Lesart, kostete den Luxus der Musik aus und ließ die Philharmoniker üppig aufspielen.

****1