War das erste Konzert Il Giardino Armonicos und seines Leiters Giovanni Antonini beim Wratislavia Cantans-Festival 2018 ganz Joseph Haydn und dem langjährigen Haydn2032-Projekt gewidmet, arrangierte man im zweiten Auftritt unter dem Titel „Battaglie, follie e addii“ barocke Spezialitäten um die instrumentalen Wiederholungen des Vortages. Um äußerlich noch mehr in der Thematik von Krieg, Auseinandersetzung und Befreiung zu bleiben, zog das Fest für den Abend in die alte Ritterakademie ins nordwestlich vor Breslau gelegene Legnica, das als sowohl zu Preußen als auch unter sowjetischer Besatzung (eine Kommandozentrale des Warschauer Pakts) zu Polen gehörige Stadt vielen Kämpfen ausgesetzt war und größte Umwälzungen erlebt hat. Nur ein Zeugnis dessen sei beispielhaft angeführt, das mir den Programmnamen mit seinen musikalischen Merkwürdigkeiten in dieser Verknüpfung bildlich vor Augen führte: Nach Kriegsende 1945 wurde die Kathedrale St. Peter und Paul rekatholisiert, wofür die vormals von der evangelischen Gemeinde aufgestellte Lutherfigur am Hauptportal – auch nach der Reformation stand dort bis Ende des 19. Jahrhundert eine Maria – wieder ersetzt wurde, das Zitat „Hier stehe ich und kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen. Worms 1521“ jedoch erhalten blieb.

Giovanni Antonini © Paolo Morello
Giovanni Antonini
© Paolo Morello

Instrumental nicht sonderbarer und zutreffender feuerte Il Giardino Armonico die ersten Schüsse unterhaltsamer Musikgeschichte mit Bibers Battalia à 10 ab, einem musikalischen Schlachtengemälde, das nach Harnoncourts Eindruck zum „modernsten Werk der ganzen Barockmusik“ taugt. Die Col-legno-Streicher, spritzige Violinen und Violen, besonders raunige Bässe, ließen im einleitenden Sonata-Presto bereits so harte Einschläge ertönen, dass man sich mitten im Kugelhagel wähnte, vor allem, wenn in dem kleinen Königssaal statt in originaler Solo- schon in Haydn'scher Orchesterbesetzung angetreten. Einen genauso starken Eindruck machte das süffig-süffisant nicht anders ertragbare „Kraut-und-Rüben“-Durcheinander der Musketierlieder. Für den Marsch schnappte sich der Kontrabass das von Biber vorgeschriebene Blatt Papier, klemmte es zwischen die Saiten und imitierte so doppeldeutig die Militärtrommel, als hörte man zugleich wieder das Zubruchgehen von Holz, Glas und Stein, während Konzertmeister Stefano Barneschi beinahe tänzelnde Figuren seiner Querpfeifen-Darbietung vollführte.

Vor der eigentlichen Schlacht hieß es für die Kämpfer schon Abschied zu nehmen mit einem verträumt-sinnierenden Abgesang auf Sicherheit und Leben, den erst ein Quartett, dann die übrigen Streicher bitterlich schön intonierten. Für die schrecklich kurze Schlacht bürsteten beziehungsweise schlugen die Musiker ihre Bögen, Saiten und die Tasten mit schnellenden „Bartók-Pizzicati“ so energisch, dass man blitzende Säbel und krachende Kanonen vor sich sah. Es waren heftig gefahrene Angriffe, die das abschließende Lamento – Bacchus gewidmet – ebenfalls umso realistischer machten: erst ein lautes, derbes Wehklagen der „Verwundten“, dann abermals ein leidendes Quartett, das in dunkler Stille endete, in Artikulation, Dynamik und Einfall vom Ensemble vorgebracht, als sackte der Musketier von Kampf und Alkoholtränkung erschöpft in sich zusammen.

Bewies Il Giardino Armonico dabei derartige Lust und Gewandtheit an der musikalischen Umsetzung, verwunderte nicht, dass auch die allseits bekannte Follia-Sonate Geminianis in ihrer Kompaktheit ungehört erklang. Selbst eine Schlacht aus Virtuosität, musikalischer Kontrastierung und Verwertung der Melodie, lieferten sich Barneschis Violine, Paolo Beschis Cello, die unterschiedlichen Solistenformationen sowie das Tutti-Orchester einen Contest der verrückten Bogen- und Fingerbeherrschung. Solistische Ausbrüche, gemeinsames rauschhaftes Stellungbeziehen in superschnellem Tempo wechselte sich gleichsam exakt ab wie das melodiöse Genießen und Entspannen, wobei die gesetzten Akzente und gewichtig-gefühligen Phrasierungen herausstachen, welche Antonini – ungewöhnlich, bei diesem Stück einen Dirigenten zu haben – als Zuchtmeister und Vortänzer vorgab.

Er selbst trat sowohl vor als auch nach der Pause als Solist in Erscheinung, der zunächst in Vivaldis multisolistischem Concerto per l'orchestra di Dresda mit der Altblockflöte seine typisch mit dem Instrument verschlungenen Verrenkungen und Gesten zeigte, die den ersten Satz rhythmisch wallend belebten. Seine Führungsrolle überließ er im Largo non molto seinem Konzertmeister, der eine Arie voll von Verzierungen und kristallklarer Farbe und Intonation sang, die der Fagottist (namens Guerra!) begleitete. Dessen Instrument schwankte im mitreißenden Allegro zwischen Solo- (mit zwei Blockflöten und zwei Oboen) und Continuoeinsatz und hatte kleinere Rhythmikungenauigkeiten in der Einlassung mit zwei Violinen. Sodann arrangierte sich Il Giardino Armonico in solistischer Besetzung um seinen Gründer, der wieder einmal für das C-Dur-Konzert RV 443 seine Sopranino hervorholte, mit der er die meisten Schlachten geschlagen hatte. Und darin erschien er in der ersten Hälfte tatsächlich etwas platt, bis im zweiten Part seine bekanntlich flinken Finger und Zunge frohlockten. Nachdem er mit ganzer Hingabe und geschlossenen Augen in einem abermaligen Lamento einnehmend mit dem Publikum der Realität entfloh, flitzte er im Allegro molto samt fulminanten Ensemblereaktionen über das Feld, wobei sich – nichts ist in diesem Wahnsinn Routine – kleinste Hakler kundtaten.

Wirkte die Haydn-Ouvertüre in der Akustik natürlich noch direkter und ergreifender, wurde zudem die speiende Musikerverärgerung in der Abschiedssymphonie greifbarer, wofür jedes Orchestermitglied sein Instrument als Wort gegen die unhaltbaren Zustände schliff. Weniger subtil und in der Monotonie interessant im Vergleich zum Vorabend offenbarte sich das nervige Adagio. Doch mit dem Menuet kehrten sie auf den trauten Pfad der bewussten Sonderlichkeit zurück, die man beim spaßigen „Farewell” – wie guten Besuch – immer schon sofort vermisste.

 

Jens Kliers Pressetrip nach Wrocław wurde vom National Forum of Music Wrocław finanziert.

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