Kann man eine der weltweit meistgespielten Opern so auf die Bühne bringen, dass einerseits Liebhaber traditioneller Inszenierungen und andererseits auch die an neuen Regieideen Interessierten gleichermaßen auf ihre Kosten kommen? Es ist dieser heikle Balanceakt zwischen Tradition und Moderne, der Peter Konwitschny in seiner Inszenierung der Bohème an der Oper Bratislava außerordentlich gut gelingt.

Seine Sicht auf Puccinis Werk ist dabei keineswegs radikal neu und schon gar nicht provokant – wer sich also vom enfant terrible der Theater- und Opernszene einen handfesten Skandal erwartet hatte, wurde sicherlich enttäuscht. Konwitschny erzählt Puccinis Oper in minimalistischem, zeitlosem Bühnenbild mit psychologisch genauer, klassischer Personenführung und vor allem in herrlich poetischen Bildern. Alleine der optischen Magie wegen ist diese Produktion einen Besuch wert, etwa wenn sich Mimì und Rodolfo über den Dächern von Paris ineinander verlieben, mit Blick auf die Lichter der Stadt, die nahtlos in den Sternenhimmel übergehen, oder wenn im Café Momus eine Seiltänzerin grazil über die gold-schimmernde Weihnachtsbeleuchtung schwebt. Aber auch der musikalischen Seite wegen lohnt sich eine Reise nach Bratislava allemal:

Eva Hornyáková hinterließ als Näherin Mimì den stärksten Eindruck. Sie agierte mit sehr zurückgenommener Gestik und verkörperte dabei zunächst glaubhaft das scheue Reh und später auch die verzweifelt gegen den Tod Aufbegehrende. Anfänglich wirkte sie jedoch sehr nervös, was sich bei „Sì mi chiamano Mimì“ durch relativ starkes Vibrato bemerkbar machte, welches sich im Laufe des Abends aber rasch legte. Besonders schön gelangen ihr dann die emotionsgeladenen Szenen des dritten und vierten Akts, in denen sie die Vorzüge ihrer Stimme voll zur Geltung bringen konnte. Sie verfügt über ein dunkles, slawisches Timbre, in dem enorm viel Gefühl mitschwingt, und über einen angenehmen Klang ohne jegliche Schärfe. Ihre stimmlichen Mittel setzte sie durchwegs sehr elegant ein, wodurch ihre Interpretation der Mimì etwas (im positiven Sinne) sehr Damenhaftes an sich hatte.

Als ihr Bühnengeliebter Rodolfo hatte Tomáš Juhás an diesem Abend hingegen etwas zu kämpfen. Immer wieder schien er gröbere Abstimmungsprobleme mit Dirigent Friedrich Haider bezüglich der Tempi zu haben, vor allem dann, wenn er darstellerisch mehr aus sich heraus ging. Ab dem dritten Akt schränkte er seine Bühnenaktion jedoch ein, wovon seine gesangliche Leistung hörbar profitierte. Seiner weich timbrierten Mittellage setzte er dann strahlende Höhen auf, einzig der Weg dorthin gestaltete sich nicht immer ganz makellos.

Auch beim zweiten Paar der Oper war es ganz klar die Dame, die weit mehr zu überzeugen vermochte als ihr Bühnenpartner. Andrea Vizvári gab eine herrlich extravagante und aufmüpfige Musetta mit enormer Bühnenpräsenz und samtig leichtem Sopran. Als wäre es das Natürlichste der Welt, warf sie mit koketten Spitzentönen um sich, die stets glockenrein und wohlklingend blieben, und zog alle Augen und Ohren auf sich. Ebenso selbstverständlich wirkte später im vierten Akt aber auch ihre Darstellung der ruhigen, nachdenklichen Musetta mit stark gedrosselter Lautstärke. Dem Marcello von Pavol Remenár hätte es sicherlich nicht geschadet, seine Stimme über weite Strecken der Vorstellung ebenfalls etwas weniger kraftvoll und vor allem weniger laut einzusetzen. Seine gefühlvollen Höhen und das prinzipiell angenehm lyrische Timbre, die er in seltenen Momenten aufblitzen ließ, gingen nämlich zum Großteil völlig unter.

Sehr stilvoll hingegen gestalteten Jozef Benci und Daniel Čapkovič als Colline und Schaunard ihre Rollen, da beide über sonore Bässe mit profunder Tiefe verfügen, die sie üppig strömen ließen. Auch schafften sie es, ihren jeweiligen Figuren Charakter zu verleihen und nicht im Schatten der Hauptfiguren unterzugehen. Überhaupt merkte man, dass das Ensemble gut aufeinander eingespielt ist, die Interaktion zwischen allen Sängern wirkte natürlich und überzeugend und gewann im Laufe des Abends und mit zunehmender Dramatik sogar noch an Intensität.

Ihren intensivsten Moment hat auch Konwitschnys Inszenierung am Ende der Oper: Mimì stirbt nicht einfach auf der beleuchteten Bühne, während das Publikum die Anonymität des dunklen Zuschauerraums genießt. Nein, das Auditorium ist hell erleuchtet, während sie ihr Leben aushaucht. Und wenn sich schließlich nach Mimìs Tod bis auf Rodolfo alle Figuren langsam abwenden und die Szene verlassen, bleibt das Publikum alleine und ergriffen zurück, was sich durch einen magischen Moment der Stille nach dem Verklingen der Musik bemerkbar machte.

Großen Anteil an der speziellen Stimmung dieses Augenblicks hatte Dirigent Friedrich Haider, der die Spannung, die er die Vorstellung über aufgebaut hatte, auch nach den letzten Akkorden aufrecht hielt. Unter seiner Leitung präsentierte das Orchester des slowakischen Nationaltheaters eine kitschfreie, aber gefühlvolle Bohème, in der auf Zuckerguss zu Gunsten von ungeschönter Emotion verzichtet wurde; zügige Tempi verstärkten diesen Eindruck. Durch den sehr tiefen, teils versenkten Orchestergraben war die Balance zwischen Musikern und Sängern selbst dann noch gegeben, wenn Haider das Orchester leidenschaftlich aufwallen ließ. Insgesamt war es musikalisch ein Abend der großen Gefühle mit dem bei Puccini für meinen Geschmack obligaten „Taschentuchfaktor“.

Große Gefühle aus dem Orchestergraben, einige sehr gute sängerische Leistungen und vor allem die puristisch-schöne Inszenierung machen La bohème in Bratislava zu einem echten Geheimtipp für Opernliebhaber.