Wenn Boris Godunow auf dem Spielplan steht, darf man sich in der Regel auf ein Klangfest freuen, vor allem dann, wenn diese Oper in der originalen Instrumentation des früh verstorbenen Modest Mussorgsky gegeben wird. Diese herbe Klangwelt, die an ein Glas Bordeaux-Wein erinnert, bringt Unterricht in russischer Geschichte, wenn auch durch das Kunstwerk gefiltert, in Reinkultur. Schade nur, dass die Wiener Staatsoper den Torso einer Inszenierung bringt, die 2007 noch in einer anderen Fassung das Licht der Bühnenwelt erblickt hat.

René Pape (Boris Godunow) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
René Pape (Boris Godunow)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper

In der sogenannten Wiener Fassung der Oper, die fast fünf Stunden in Anspruch nimmt, erlebte die Operninszenierung von Yannis Kokkos ihre Premiere. Heute wird die Urfassung der Oper gegeben, die nur 2 1/4 Stunden (ohne Pause) dauert und lediglich 7 der Bilder bringt. 26 Mal ist diese Inszenierung bereits gezeigt worden und 24 Mal spielte war Ferruccio Furlanetto den Godunow, was es für jeden Boris wohl schwieriger macht, da das Wiener Publikum der letzten Jahre auf ihn geeicht ist. Einen direkten Vergleich muss sich auch René Pape gefallen lassen, doch schrecken muss er ihn nicht, denn beide Bässe sind Bühnenpersönlichkeiten mit großer Präsenz und erstaunlichen stimmlichen Ausdrucksmitteln.

Sein Russisch wirkt sehr authentisch; vor allem die scharfen Konsonanten fallen dabei auf, die wundervoll zur Instrumentation der Oper passen wollen. Pape gibt jedoch einen gänzlich anderen Boris als Furlanetto: Sein Antiheld ist dem Wahnsinn von Anbeginn der Oper näher. Selbst in der Krönungsszene, in der auch die beiden Chöre des Abends, der Wiener Staatsopernchor und der Slowakische Philharmonische Chor, glänzen konnten, schien er der Welt des Wahns schon zu nahe. Besonders hervorgehoben gehört die Todesszene des Boris. Himmlisch gestaltete Pape Boris Godunows Gebet, welches er mit fein geführter Stimme und viel Farbe im Ansatz ausgestaltete und sein Pianissimo sprach von großem Ausdruckswillen.

Doch auch die restliche Besetzung des Abends konnte sich hören lassen. Ein besonderes Lob hat Clemens Unterreiner verdient, der in der Rolle des Andreej Schtschelkalow einsprang. Eine kleine Rolle mit zwei kurzen Monologen, möchte man meinen, aber Unterreiner, eine Säule des Wiener Ensembles, machte, wie aus vielen seiner Rollen, eine beeindruckende Charakterstudie großer Musikalität. Aus der Zwischenfachpartie kreierte er eine lyrische Rolle, indem er nicht mit zahlreichen Klangfarbenwechseln sparte. Auch Tenor Norbert Ernst gehört zu den Perlen des Ensembles. Er ist dazu noch das, was man einen Showman zu bezeichnen gewohnt ist, der seinen Partien durch gekonntes Schauspiel die Krone aufsetzt. Auch wenn ihm beim Auftritt als intriganter Schujskij ein Patzer unterlief, sang er diese Rolle mit der nötigen Schleimigkeit.

Kurt Rydl (Pimen) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Kurt Rydl (Pimen)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Mit großen Schritten auf sein 45-jähriges Bühnenjubiläum zu geht Kurt Rydl zu. Sein Pimen gehörte und gehört zu den umstrittenen Interpretationsleistungen an der Wiener Staatsoper. Auffallend war bei dieser Aufführung (der Verfasser hat ihn schon häufiger in dieser Rolle erlebt) das wenige Vibrato, das er den gut geführten Melodiebögen mit gab. Allein die Höhe ist es, die nicht mehr ganz so leicht kommen möchte, aber 45 Jahre Bühnenerfahrung machen es diesem Pimen leicht, dies zu kaschieren. Bleibt man bei den Bässen, konnte Ryan Speedo Green als Warlaam nicht vollends überzeugen. Mitschuld daran trägt aber auch Dirigent Marko Letonja, der Orchester und Sänger nicht auf ein gemeinsames Tempo zu bringen vermochte. Nicht zu vergessen auch Pavel Kolgatin in der Rolle des Gottesnarren, der am Ende der vorletzten Szene in der Urfassung der Oper das kommende Leid Russlands mit sehr gut geführtem Tenor und vielleicht fast schon zu schön beschwor. Etwas mehr Schärfe könnte diese Interpretation vertragen.

Sowohl Marko Letonja als auch das Staatsopernorchester beherrschen die Partitur zweifelsohne, aber manchmal ging das Temperament mit beiden durch (man denke an die sehr laute Krönungsszene) und manches Detail schien nicht so genau kommen zu wollen wie gewünscht. So wackelte schon die erste Szene vor dem Kloster etwas zwischen Chören und Orchester und auch die Krönungsszene mangelte etwas an Präzision. Dennoch: Letonja und das Orchester deckten Orchester die Solisten nur selten zu und begleiteten sie solide.