Aufführungen des Deutschen Requiems von Johannes Brahms im November haben fast so viel Tradition wie die der Neunten Beethovens zum Jahreswechsel. Doch eröffnet wurde das Konzert des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin mit zwei a-cappella-Werken von Heinrich Schütz, eines aus den Psalmen Davids, eines aus der Geistlichen Chormusik. Das macht nicht nur Sinn, weil Brahms generell ein großer Verehrer dieses Komponisten war, sondern auch, weil Schütz sowohl im Psalm 84 („Wie lieblich sind Deine Wohnungen“) für achtstimmigen Chor als auch in der Motette für fünfstimmigen Chor „Die mit Tränen säen“ Textworte vertonte, die auch Brahms in zwei Sätzen seines Deutschen Requiem verwendet.

Vladimir Jurowski © Matthias Creutziger
Vladimir Jurowski
© Matthias Creutziger

Die beiden Stücke des deutschen Frühbarocks wurden vom Cantus Domus gesungen, unter Leitung Ralf Sochaczewskys, der Assistent Jurowskis beim London Philharmonic Orchestra war. Ob achtstimmig oder fünfstimmig besetzt, der Chor intonierte alles so sauber und deutlich, dass der Text auch dann verständlich war, wenn Schütz ihn polyphon komponiert hatte.

Ohne Pause folgte dann das Brahms'sche Requiem, bei dem Cantus Domus von dem durch Vinzenz Weissenburger einstudierten Chor des Jungen Ensembles Berlin auf 150 Sänger/innen verstärkt wurde.

Vladimir Jurowski ließ sein Orchester in großer Besetzung, u. a. mit sechs Kontrabässen, spielen, doch wusste er stets zu verhindern, dass der Klang grob und dick wurde. Selbst da, wo etwa im zweiten Satz das volle Orchester mit Chor fortissimo musizierte, klang es intensiv und dröhnte nicht dumpf. Mit großer Erfahrung setzte er auf einen ausgewogenen, differenzierten Ton. Die Fugen des dritten und sechsten Satzes wusste er so lapidar und monumental zu gestalten, wie Brahms sie im Stile Händels komponiert hatte: prachtvoll und einfach. Doch bei aller monumentalen Prachtentfaltung in den großen Stellen des Werkes gingen die so geheimnisvollen wie zwielichtigen Töne der Partitur nicht unter. Besonderen Wert legten die Aufführenden auf die dramatischen Aspekte des Requiems und kehrten dabei einen Aspekt hervor, der bei Brahms-Aufführungen leider oft zu kurz kommt. Der Bariton Matthias Goerne trug ohne Noten wie ein Sänger auf der Bühne mit großen Gesten die mahnenden Worte des Psalmisten „Herr, lehre doch mich“ im dritten Satz vor. Da klang jedes Wort mit Verkünderdiktion und doch wie auf seine Glaubwürdigkeit hin geprüft. Der Chor antwortete ihm wie in einem Drama fast flüsternd. Dann predigte Goerne im sechsten wie ein Prophet die Worte aus dem ersten Korintherbrief: „Siehe, ich sage euch ein Geheimnis.“ Einen weiteren Höhepunkt bescherte die Sopranistin Maria Bengtsson im fünften Satz „Ihr habt nun Traurigkeit“. Berührend schön war ihr Ton, mit dem sie die mütterliche Tröstung daraus sang. Packend brachten die Aufführenden die Sehnsucht nach Glaubenszuversicht angesichts der Zumutung des Todes im sechsten Satz zum Ausdruck. Doch das Requiem endet nicht mit einer kraftvollen Fuge. Brahms ließ einen Epilog folgen, der für meine nicht ganz unerfahrenen Ohren zu den schönsten Chorsätzen der Musikgeschichte gehört. In erlesenster Euphonie schloss Brahms in diesem Satz den Ring zwischen den trauernden Lebenden und den seligen Toten, indem er in diesem Schlusssatz den ersten Satz in lichteste Transparenz verwandelte. Das brachten die Aufführenden in schönster Schlichtheit zu Gehör, für die sich keine adäquaten Worte finden lassen.

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