Seit 2016 steht in der Tonhalle Düsseldorf die Verleihung des von der Gesellschaft der Freunde und Förderer der Tonhalle Düsseldorf gestifteten Menschenrechtspreises an. Initialisiert von Chefdirigent Ádám Fischer, wird sie natürlich musikalisch umrahmt von ihm selbst und den Düsseldorfer Symphonikern, beinahe genauso selbstverständlich mit Fischers kompositorischen Lieblingen.

Vielleicht nicht derart künstlerisch quälend wie Brahms und dessen Sinfonien, doch aber immer mal wieder über einen längeren Zeitraum bishin zum Gewitter in den Jahreszeiten, beschäftigte Joseph Haydn das musikalische „Fassen“ von Natur und Religion. Prägend das Motiv des Sturms nicht nur in Zeiten des Sturm und Drang, das von Locke, Vivaldi, Leclair, Telemann und besonders effektvoll Rameau vor ihm die wehende Runde in der Komponistenwelt machte – Stürme, die Schüler Beethoven später aufgriff und die Johannes Brahms als sogenanntem „Erben Beethovens“ oder „viertem beziehungsweise fünftem Wiener Klassiker“ in der Romantik Kopfzerbrechen bereiteten.

Düsseldorfer Symphoniker und der Chor des Städtischen Musikvereis © Susanne Diesner
Düsseldorfer Symphoniker und der Chor des Städtischen Musikvereis
© Susanne Diesner

Auf 1761 ist im Hoboken-Werkverzeichnis das Madrigal The storm: Hark! The wild uproar of the winds hinterlegt und 1784 der Einbau eines „Sturmchores“ in sein Oratorium Il ritorno di Tobia, eine Abwandlung des Chorsatzes Insanae et vanae curae, der bei der Matinée leider nicht erklang. So beschränkte sich der Einsatz des von Marieddy Rossetto einstudierten Chores des Städtischen Musikvereins letztlich auf Der Sturm, der im Jahre 1798 oder 1793 (Breitkopf & Härtel datiert auf 1792) erschienenen deutschen Fassung der 61er Choralkantate. Für die große Orchesterbearbeitung hatten die Düsseldorfer Symphoniker zusätzlich ein Windblech aufgestellt, das in Haydns unverwechselbar naturalistischer Verwertung des Texts neben dem harten Donnergrollen der Pauke ab und zu aufheulen und die krachenden Blitze durchpeitschen lassen konnte.

Wie man es von ihm kennt, ballte Fischer seine Fäuste für die instrumentalen Unwetterböen, die in tiefen, bewegten, aggressiven Akkorden der Bässe resultierten. Die Violinen wirbelten umher, die Piccoloflöte stach alarmistisch hervor und forderte die Gesangsstimmen geradezu heraus, sich mit gleichfalls angemessener Kraft und Betonungseffekt der – damals aus anderem Glaube der Menschenverantwortlichkeit widerfahrenden – Witterungslage entgegenzustellen. Ging der Chor größtenteils auf die windige Phrasierung und Dynamik ein, fühlte er sich nach leichten rhythmischen Turbulenzen und angeschlageneren Sopranstimmen in der Reprise im erhofften und ehrfürchtig, bei- und inständig erflehten Abzug des Sturms verständlich wohler. Homogener, abgesetzt und klar schlugen die sich nach Rettung sehnenden Klimageplagten unter eingezogener Flaute „O sanfte Ruh'!“ das „O komm (doch wieder)“ an; eine Rettung, die sich erfüllte mit gelegter Flöte und Oboe.

Zuvor hatte Fischer im Rahmen der Preisverleihung an Dr. Uwe Denker, dem Gründer der ersten, ausschließlich aus Spenden finanzierten „Praxis ohne Grenzen“, die nicht krankenversicherten, mittellosen Menschen medizinische Hilfe zukommen lässt, seinem Engagement über die Musik hinaus mit Ernst und Charme Ausdruck verliehen. In aller Offen- und Natürlichkeit kündigte der Preisträger, dessen Einsatz den meisten Gästen bis auf Fischers Ehefrau wohl ziemlich unbekannt gewesen war, zudem an, zukünftig ebenfalls „aggressiv“ politisch-medial in Erscheinung zu treten, um auf die skandalöse Notwendigkeit seiner Einrichtung aufmerksam zu machen.

Ádám Fischer © Susanne Diesner
Ádám Fischer
© Susanne Diesner

Ohne Grenzen bewegte sich Fischer schließlich selbst bei den „DüSys“, die diesmal weder in der ansonsten beim Dirigenten favorisierten, antiphonen Aufstellung spielten, noch den leichten Anleihen der historischen Aufführungspraxis unterworfen waren, die sich lediglich auf die auch dienstplanmäßig eingerichtete kleinere Streicherbesetzung bei Brahms kaprizierte. Hinsichtlich Vibrato herrschte übliches Dauerwackeln vor, das allerdings nicht zu verwaschenem Durcheinander führte, sondern die leidenschaftlichen Tonmassen von Bedrohung, Unsicherheit, strenger Spannung (mit dem Kontrafagott) und erster chorischer Überwindungsstärke (der Horngruppe) soweit wie damit möglich durchhörbar auftürmend in Bewegung versetzte.

Den wuchtigen Auftakt zu dem symphonischen Drama hatten introduktiv abermals die Paukenschläge verursacht, dessen flehender Impetus im Allegro (typisch in Fischers schnell gewähltem Tempo) die Geigen zusammen mit den prominenten Akkorden der Bratschen einbrachten. Konnte das Holz durchaus etwas mehr phrasierte Durchdringung vertragen, lieferten vor allem die knackige Klarinette und die versierte Oboe zu den finalen Takten des ersten Satzes bereits nach. Selbstverständlich blieb ihnen im geblasenen Gesangspart des Andante sostenuto, den sie sich melodisch mit dem satten Pendant von Streichern und Fagott teilen, Raum zu glänzen. Den romantisch-klassischen Verzückungen gab die Konzertmeisterin ihre schmerzlich-liebliche Diskantstimme.

Ehe es im durch Fischer immer drängender als Tanz empfundenen, aufgeklarten Un poco Allegretto e grazioso mit befreiend-jubilierenden Bläsern zum beherzt schönen Verweilen kommen konnte, kehrte mit dem Grummeln und den Streicherpizzicati die theatralisch-düstere Rätselhaftigkeit attacca zurück. Doch die gezogenen, lauten Vorboten von Horn und Flöte mündeten in einem sanften Posaunenchor, dem die Symphoniker ein geschmeidiges Thema folgen ließen. Da gleichzeitig energiegeladen durchgestürmt, kamen Kontraste nicht zu kurz, im Gegensatz zu den wilden Effekten der Violinen, bei denen sich die „unhistorische“ Orchesteraufstellung allein noch als kleinerer Mangel erweisen sollte. In Fischers Ausdruck und gelebtem Temperament (con brio) wurde der Wunsch nach Erlösung stets stärker und greifbarer, bis zum abrundenden Choral der Symphonie Nr. 1 und der Überwindung von eingefahrenen Grenzen.

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