Mariss Jansons hat eine Eigenheit, wenn er dirigiert: Wenn er Klänge gestalten will, nimmt er seinen Taktstock in die linke Hand und formt mit der rechten den Klang. Dabei macht er allerdings nicht mehr Bewegungen, sondern nimmt seine Rolle als Dirigent gar zurück und überlässt es dem Klang, Wirkung zu entfalten. Richard Strauss' Alpensinfonie ist ein Werk, das eine Fülle an Klangfarben bereithält. Das bedeutete, dass Jansons bei der Eröffnung der Saison des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks gemeinsam mit seinem Artist in Residenz für die Saison 2016/17, Rudolf Buchbinder, im Gasteig den Taktstock oft in der linken Hand hielt und so ein absolut atemberaubendes Klangspektakel darbot.

Rudolf Buchbinder © Marco Borggreve
Rudolf Buchbinder
© Marco Borggreve
Buchbinder hat sich in den letzten Jahren intensivst mit Beethovens Klaviermusik auseinandergesetzt und so überraschte es nicht, dass sich seine Interpretation des Ersten Klavierkonzerts in kleinen aber durchaus auffälligen Details von den vielen anderen Interpretationen abhob. Bei Buchbinder klang jede Phrase in sich geschlossen, da er zum Beispiel die Läufe am Ende leicht zurücknahm und so einen runden Klang erzeugte, der allerdings zu keiner Zeit gewollt oder erzwungen, sondern unglaublich organisch wirkte. Durch diese natürlichen und sehr genau gearbeiteten Phrasen ergab sich auf die gesamten Sätze gesehen ein großer Spannungsbogen, der sie verband. Mit nur sehr dezent eingesetztem Pedal spielte er mit sehr perligem Ton, der den Läufen im ersten und dritten Satz viel Spritzigkeit verlieh.

Jansons stellte Buchbinder das Orchester keineswegs nur als Begleitobjekt an die Seite, sondern nutzte den symphonischen Charakter, den Beethovens Erstes Klavierkonzert auszeichnet, um eigene Farben einzubringen. So wirkte einerseits der Beginn des ersten Satzes bis zur Eröffnung des Klaviers wie eine festliche Ouvertüre, andererseits erklang das Rondo mit kraftvollen Bläsern, die den feierlichen Charakter unterstrichen. Dieser Beethoven lebte von Buchbinders grandiosem Gespür für die Klarheit in Beethovens Musiksprache, die auch das Orchester übernahm und so einen deutlichen und erfrischenden Kontrast zu den komplexen Klanggeweben in Strauss’ folgender Alpensinfonie schufen.

Diese kann allein schon durch ihre gewaltigen Ausmaße einschüchtern. 130 Musiker, die, einschließlich Windmaschine, Orgel und Fernorchester, einen Tag in den Alpen musikalisch zum Leben erwecken, dürften freilich reichen, um für einen fesselnden Abend zu sorgen. Dennoch gingen das BRSO und Jansons noch einen Schritt weiter und verwandelten die letzte symphonische Dichtung Richard Strauss’ in ein musikalisches Epos, das trotz seiner beachtlichen Aufführungsdauer von knapp einer Stunde zu keinem Augenblick langatmig war und wie eine spannende Geschichte bis zum letzten Ton im Pianissimo fesselte.

Mariss Jansons © Marco Borggreve
Mariss Jansons
© Marco Borggreve
Mit Beginn des Werks beschwor das Orchester einen mystisch dunklen Klang herauf, den es stetig weiterentwickelte, bis er in den heroischen Sonnenaufgang mündete. Jansons legte viel Wert darauf, die Alpensinfonie nicht zu überfrachten, gleichzeitig aber auch nicht an Klang zu sparen. Das gelang ihm unter anderem dadurch, dass er genau wusste, wann er den Klang fließen lassen musste. Je größer der Sound des Orchesters wurde, desto weniger dirigierte Jansons. In Auf dem Gipfel zum Beispiel ließ er für einige Momente den Klang entstehen, ohne regulierend einzugreifen, und genau dadurch wirkte das Orchester vollkommen befreit und bescherte dem Zuhörer den erhebenden, atemberaubenden Ausblick vom Gipfel, der gleichfalls zum Höhepunkt des Konzerts wurde. Doch neben all dem Gigantismus ließ Jansons auch die leisen Töne der Alpensinfonie nicht zu kurz kommen. So verklang das Werk nach Gewitter und Sturm mit nachdenklichem Charakter und choralhaften Bläsern.

Wie so oft schaffte es Jansons mit seinen Interpretationen, die Zuhörer durch seine vielfältige Klanggestaltung mitzureißen. Er beschränkte sich nicht bloß darauf, eine Bergwanderung zu beschreiben, sondern führte das Publikum an die Extreme des Werks heran, die er nicht erzwang, sondern scheinbar ganz einfach fließen ließ und so ganz ohne Bombast oder Schärfe eine umso größere Wirkung erzielte. Mit diesem unterschiedlichen Programm aus Beethoven und Strauss gelang dem BRSO ein exzellenter Auftakt in die neue Saison, der eine weitere spannende Spielzeit auf absolutem Höchstniveau versprach.