Bruckners Achte Symphonie mit Franz Welser-Möst und dem Tonhalle-Orchester Zürich versprach ein interessantes Zusammentreffen zu werden, hatte doch gerade drei Tage zuvor die Philharmonia Zürich im Opernhaus – Welser-Mösts früherer Wirkungsstätte – eine beeindruckende Interpretation von Bruckners Vierter geboten. Die Tonhalle Maag ist hell, in ihrer Wirkung offen und weit, wodmit die Atmosphäre im Konzert eher nüchtern ist, sachlich, erschwert Musikern möglicherweise, den „Draht“ zum Hörer zu finden. Das Konzert konnte diesen Vorab-Eindruck leider nicht widerlegen.

Franz Welser-Möst © Roger Mastroianni
Franz Welser-Möst
© Roger Mastroianni

Zumindest schien die Akustik des Saales für eine gewisse dynamische Einebnung zu sorgen. Ich würde es jedenfalls nicht nur dem Orchester oder dem Dirigenten anlasten, dass Bruckners extreme Dynamik nur zum Teil realisiert wurde. Die Streicher, allen voran die Violinen, haben öfters extremes Pianissimo gespielt, nur geflüstert, sozusagen. Blasinstrumente haben es dabei schwerer, da sie eine definierte Minimallautstärke haben und darunter nicht mehr sicher ansprechen. Bruckner beginnt die Symphonie mit einem Pianissimo in den Streichern. Die Themeneinsätze in den tiefen Streichern tönten dabei zu vordergründig, es fehlte das Geheimnisvolle, später klangen auch die Soli in den Holzbläsern etwas zu präsent. Das kann teils an der Akustik gelegen haben, waren doch einige der Einsätze bei Horn und Klarinette so leise, dass die Instrumente gerade noch ansprachen. Ganz allgemein war die Arbeit des Orchesters hervorragend, gab zu keinerlei Klagen Anlass. Man hört diese Symphonie manchmal als Orgie der Blechbläser – hier war der Klang streicherdominiert – jedoch nicht so sehr, dass das negativ ins Gewicht gefallen wäre. Die ausgezeichneten Bläser, allen voran die Hörner und die hier so wichtigen Wagnertuben, aber ebenso Flöte, Oboe und Klarinette, kamen durchaus gebührend zur Geltung.

Im Verlauf der Symphonie schenkte Welser-Möst Bruckners dynamische Anweisungen sorgfältige Beachtung. Das Hauptgewicht seiner Interpretation schien in der Dynamik und der Gestaltung von Phrasen, Bögen und den großen Steigerungswellen zu liegen. In der Gestaltung des Tempoverlaufs blieb die Aufführung unauffällig: viele von Bruckners Anweisungen, wie accelerando oder a tempo, waren selten oder gar nicht wahrnehmbar. Darüber hinaus wagte der Dirigent keinerlei Rubato, und auch die Agogik blieb kaum wahrnehmbar. Es war rhythmisch alles korrekt gespielt, aber gelegentlich hätte ich mir eine minimale Verbreiterung von Triolen oder Quintolen, mehr Spiel mit den Gewichten innerhalb eines Taktes gewünscht. Welser-Möst vermied Extreme, das Scherzo war nicht zu dramatisch, der Blechklang behielt genügend Weichheit, sodass der Eindruck des Militärischen, übermäßige Theatralik vermieden wurde. Der Dirigent schaffte, die Spannung auch in den langen Sätzen zu halten. Im Trio wurde die Generalpause auffällig lange gehalten, die nachfolgenden Einsätze der Hörner waren wunderbar weich gestaltet. Hier kam die Transparenz der Akustik zum Tragen, zumal die Artikulation bei den Streichern leicht gehalten wurde: selbst im sehr großen Orchester behielten die drei Harfen ihren gebührenden Anteil am Ganzen.

Das Adagio war klangschön und tragend gestaltet; der Gesang der Wagnertuben und Hörner war ein Genuss. Gefühlsduselei ist sicherlich nicht Welser-Mösts Stärke; Erinnerungen an Siegfrieds Tod, die bei anderen Interpreten fast mit Händen zu greifen sind, stellten sich kaum ein, und so richtig ans Herz wollte auch das absteigende „Abschiedsmotiv“ in diesem Satz nicht greifen. Voll zum Zug kam das Blech in seiner ganzen Stärke erst im Schlusssatz, allerdings ohne je erdrückend zu wirken. Etwas unmotiviert schien der unmittelbare Übergang zu einem rascheren Tempo – beeindruckend dagegen die schweißtreibende Arbeit der Streicher zum Schluss hin, welcher die Aufbietung der letzten Kraftreserven erfordert. Gesamthaft blieb es trotzdem ein relativ nüchterner Blick auf Bruckners Opus summum.