Die äußeren Gegebenheiten konnten ja schon überzeugen: eine Interpretation der Gastgeber und Experten in historischer Aufführungspraxis, Andreas Spering und seine Capella Augustina), eine inhaltliche Dramaturgie, die Haydns Sieben letzte Worte und Londoner Sinfonie als Perfektion feierte, ein Schloss und ein pyrotechnisches Feuerwerk. All dies barg jedoch unter dem Titel „Haydn at his best“ auch gewisse Risiken, klang es doch fast zu gut, um wahr zu sein. Würde dieser Abend wirklich das bieten, was er versprach?

Andreas Spering © Brühler Schlosskonzerte
Andreas Spering
© Brühler Schlosskonzerte
Bevor der erste Ton erklang, hielt der Dirigent ganz typisch eine kurze Begrüßungsansprache, in welcher er (als hätte er es geahnt) fast kritikergerecht die Besonderheiten der beiden Kompositionen umriss, um unter dem ausgerufenen Motto „Delectare et movere“ die erstmals als Karfreitagsmusik intendierten Worte als Programmpunkt nachvollziehbar zu rechtfertigten sowie das furiose Finale der Sinfonie zu bewerben.

Im Gegensatz zur Häufigkeit der damaligen Aufführungen werden die Die Sieben Letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze heute selten vor Publikum gespielt, zumal in ihrer originalen Orchesterfassung. Dabei zeugt die Tatsache der Arrangements und sowohl Haydns subjektiver als auch feuilletonistischer Erwähnungen von der Größe der Komposition. Die Schöpfung ist unter diesem Licht betrachtet mehr Fluch als Segen. Angesichts der früher entstandenen Worte, die Haydn durch sieben Sätze in langsamen Tempo-Variationen vertont, könnte man aber nicht zu Unrecht von einer Inspiration sprechen, die sich in Thematik, Tonmalerei und Ausdruck widerspiegelt.

Nach obligatorischer Einleitung entwickelte Andreas Spering die sieben Sonaten zu einer kompakten Einheit, die einerseits wie beabsichtigt und gemäß Berichten von Zeitzeugen der Haydn'schen Aufführungen nicht ermüdend sondern spannend, andererseits in einer wohligen Mischung aus Andacht und Feierlichkeit erklangen. Infolge dessen hatte Spering die Tempi nicht zu langsam gewählt und die enthaltene Spannung mit im Werk dringend benötigter Dynamik erzeugt. Besonders energiegeladen gerieten die Deus meus-Vertonung, die von einem hitzebedingten medizinischen Zwischenfall genauso aufbrausend beinahe hätte unterbrochen werden müssen, und das Consummatum, dessen musikalische Deutung durch lange, von eindringlich trist bis kühn harmonischen Akkordfolgen überaus packend und affektvoll gelang. Das abschließende Erdbeben (Terremoto) rundete Haydns Tonmalerei typisch abenteuerlich ab. Ein kerniges Finale, mit krachend-knarzigen Hörnern und Fagotten, aufgewühlt grimmigen, kraftstrotzenden Streichern und donnernder Pauke.

Andreas Spering leitete seine Capella im Werkeinklang mit sparsamer aber exakter, Dynamik und Einsatz vorgebender Technik. Lobenswert auch die Akzentuierungen und Schweller, durch die die Worte doch stets effektsicher erschienen. Aufgrund der (ja!) engen Platzverhältnisse im Treppenhaus des Schlosses wählte er zwangsweise eine Minimalbesetzung, die jedoch dank der guten Akustik einen ausfüllenden, klassischen Orchesterklang erzeugte. Entgegen des eigentlich gewünschten, antiphonen Setups schmälerte die Aufstellungsvariante mit rechts sitzenden Bratschen wegen besagter Akustik und Ensemblegröße allerdings weder die Durchsichtigkeit noch die Balance. Vor allem die dahinter positionierten, herrlich sonoren Fagotte kamen Haydn'scher Bedeutung entsprechend gebührend zur Geltung.

Die Capella Augustina unter Andreas Spering © Brühler Schlosskonzerte
Die Capella Augustina unter Andreas Spering
© Brühler Schlosskonzerte

Seine 102. Sinfonie kam ebenfalls kräftig und somit kongruent daher, sollte aber hinsichtlich der Werkauswahl des Abends gegensätzlich erscheinen. Trotz der lautstärksten, dramatischen Sinfonie, gekennzeichnet durch die Largo-Einleitung im Alla breve-Takt (wer denkt nicht an die Schöpfung), dem vorwärtsdrängenden, vor allem von Celli, Bässen und Pauken aggressiv geprägten Kopfsatz und dem nahezu wahnwitzigen Finale fehlt ihr nicht der charakteristische Schalk (wie beispielsweise in seinen Sinfonien Nr. 88, 60, 45 oder 22) sowie unbändige Melodiefreude.

Bei erwähnter Einleitung ließ die Interpretation die Dramatik leider vermissen, geriet sie doch mit eigentlich herauszuarbeitender Besonderheit von diminuierendem Fermate-Akkord zu Beginn, ihrem piano-Ausklang und dem überraschenden attacca-Allegro im Forte meiner Meinung nach zu uninspiriert und kontrastarm. Gleiches empfand ich bei den spielerisch-sanften, zum Teil melancholischen piano-Einschüben von Streichern und Flöten beobachten. Der laute Gestus überzeugte aber durch hervorstechend klare Hörner und Holzbläser, wobei die Pauke für historische Verhältnisse recht dumpf, dafür im Gesamtbild bedrohlich düster klang. Passend zur Herangehensweise lieferten die Streicher einen zupackend harten, scharf-silbrigen Ton.

Während der langsame Satz für mich durch noch stärkere An- und Abschweller interessanter hätte ausgeleuchtet werden können, bewegte sich das Menuett wieder konsequent im robusten Rahmen. Das finale Presto mit sprudelnden Verzierungen, Tremoli, rasanten Läufen und Pauken-Ausbrüchen, dabei dennoch leicht und in gefälliger melodischer Ausformung, meisterte die Capella Augustina am besten. Zwar blieben die Stellen spielerischer Leichtigkeit etwas unter meinen Erwartungen an abwechslungsreicher Haydn-Eigenart, doch übertrumpften die Musiker diese Trübungen durch Präzision, technische Fertigkeit und angenehm feurige Rauheit, die beinahe an das Terremoto erinnerte.

Die Beantwortung der Ausgangsfrage erfolgt trotz kleinerer Intonationsschwächen (vor allem bei den Violinen) und der durchweg ernsten und damit für meinen Geschmack zu kontrastarmen Umsetzung mit „Ja“: Dieses Programm hielt in der großen Gesamtschau, was es versprochen hatte. Die Capella Augustina spielte präzise und mit großer Hingabe; Spering wählte neben passenden Tempi eine geladene Interpretation, lautstark und wuchtig.

So aufgedreht ging ich in nach dem musikalischen in das tatsächliche Feuerwerk und den Abschluss des Abends über, mit traditionellen Klängen von Händels Feuerwerksmusik des Neuen Rheinischen Kammerorchesters unter Gerhard Peters.