Das Licht war noch nicht gedimmt, die Musiker hatten sich gerade erst gesetzt und der Dirigent selbst stand noch gar nicht richtig auf seiner Position, doch noch im Sprung auf sein Podest gab Michel Tabachnik den Einsatz für die Brüsseler Philharmoniker, die prompt reagierten und zu spielen begannen. Diese Szene spielte sich bei der Zugabe des Konzerts in Salzburg ab, doch auch die vorhergehenden Stücke wurden ohne langes Zögern routiniert und kraftvoll begonnen.

Michel Tabachnik © Jean-Baptiste Millot
Michel Tabachnik
© Jean-Baptiste Millot

Mit einer energischen Präsentation von Dvořáks Karneval-Ouvertüre zogen die Musiker das Publikum unmittelbar in ihren Bann und zeigten gleichzeitig hier und in Schumanns Vierter Symphonie in der zweiten Hälfte, dass sie ebenso mit sanften Tönen punkten können. Davor jedoch kamen wir in den Genuss, den ukrainischen Violinisten Valeriy Sokolov mit Tschaikowskys Violinkonzert D-Dur zu hören. Ein klarer Ton bestimmte seine Darbietung, dem auch ein rasches Tempo, besonders im letzten Satz (Allegro vivacissimo), nichts anhaben konnte. Seine makellose Technik besonders bei Läufen und Doppelgriffen trug viel dazu bei, ebenso seine Emphase, die vor allem im Schlussakkord, den er mit vollem Elan und Schwung spielte, in einem kleinen, bekräftigenden Sprung Ausdruck fand.

So gut Sokolov und das Orchester für sich spielten, ihr Zusammenspiel harmonierte an diesem Abend leider nicht immer und wies einige leichte Uneinigkeiten im Tempo auf. Nichtsdestotrotz überwogen die positiven Eindrücke dieses Konzertes wie das brillant umgesetzte Orchester-Attacca vom zweiten zum dritten Satz. Während man noch ganz Gedankenversunken dem sanften zweiten Satz lauschte, riss das abrupt lautstarke Auftreten des dritten Satzes einen regelrecht aus seinen Träumen einer einsamen Landschaft. Mit dem finalen Satz kam dann auch ein kleiner Schmunzelmoment, als die Streicher des Orchesters im gezupften Pizzicato gemeinsam mit dem Solisten ganz exakte Abwärtsläufe spielten. Diese Kombination von gezupften und gestrichenen Läufen war frisch und spritzig und sorgte nach dem schwermütigen Klang des zweiten Satzes für Heiterkeit.

In diesem vielseitigen Programm konnte das Philharmonische Orchester Brüssel seinen Facettenreichtum, seine ganze Bandbreite an Klangfarben und seine Flexibilität demonstrieren. So durfte man ein schnelles Umschalten von verschiedensten Stimmungen im ersten Satz Schumanns Symphonie beobachten, von stürmischen forte-Stellen zu dahinfließenden piano-Parts, die vor dem inneren Auge eine malerische Landschaft erwachsen ließen. Doch dieses Bild hielt nicht lange an, denn nur Augenblicke später wechselte die Stimmung radikal und man fand sich in einem unheilvollen Wald wieder, so tonmalerisch und schlagartig waren die Übergänge vom einen zum anderen Motiv erklungen. Alle Wechsel geschahen sehr exakt und doch ausgewogen, ohne dass man sich überrumpelt gefühlt hätte, und ebenso nahtlos fügte sich das Solo des Konzertmeisters Henry Raudales im zweiten Satz der Symphonie in das Stück ein.

Allgemein war der ganze Abend sehr rund und flüssig, ganz ohne Ecken und Kanten. Das war auch dem ausgewogenen und weichen Bläsersatz geschuldet, der vor allem in der Symphonie die Stimmung des Stückes maßgeblich mitbestimmte. Das Besondere an dieser Interpretation aber war das Spiel des Orchesters mit der Dynamik. Sowohl vorbereitende als auch plötzlich eintretende Wechsel der Dynamik wurden fließend umgesetzt und erzeugten bewegende Momente der Spannung und Entspannung.

Ein wichtiger Faktor war dabei Tabachniks ruhiges Auftreten und seine schwungvolle und doch entspannte Art zu dirigieren, die diese Wechsel und den sehr ausgewogenen Orchesterklang formte. So konnten die Brüsseler Philharmoniker vor allem mit leiseren Passagen überzeugen, denn gerade diese Piano-Momente erzeugten eine Dramatik, die einen so sehr fesselte, dass man sich kaum rühren und den Blick nicht abwenden mochte.