Vilde Frang © Andrea Felvégi
Vilde Frang
© Andrea Felvégi
Das zweite Konzert der Festival Academy Budapest begann mit einem der letzten Kammermusikwerke von Schubert, der Fantasie in C-Dur, gespielt von Vilde Frang und José Gallardo. Es ist dies ein Werk, das im Konzertsaal selten auftaucht, und diese Aufführung machte klar, warum. Die technischen Anforderungen sind beträchtlich: wie bei der Wanderer-Fantasie nahm der Komponist keinerlei Rücksicht mehr auf die Spielbarkeit. Die Rahmenteile sind gefüllt mit ein- oder zweihändigen pp-Tremoli auf dem Flügel, in welche sich die Violine unmerklich einschleicht. Vilde Frang tat dies unerhört zart, mit unauffälligem Vibrato, und dabei mit einer Souveränität und Intonationssicherheit, die ihresgleichen suchen, selbst bei den feinsten Pfeiftönen in allerhöchsten Höhen. Das Werk zog einen von den allerersten Takten an in ihren Bann: ätherische, himmlisch anrührende Musik, die jetzt keines poetischen „Programms“ mehr bedarf – ein Meisterwerk, zumal wenn es so gekonnt gespielt wird. Das gilt auch für den Pianisten, der seinen Part sehr aktiv gestaltete (erst gegen Ende unterliefen ihm vereinzelt kleinere Missgeschicke). Die Interpretation war insgesamt so lebendig, gar packend, dass einem das Bonmot von Schuberts „himmlischen Längen“ nie in den Sinn kam.

Die Schwierigkeit der Fantasie liegt in der akustischen Balance mit modernen Instrumenten. Es ist mir unverständlich, warum der Steinway D nicht zumindest halb geschlossen wurde: die umrahmenden Tremoli und die virtuosen Läufe in den zentralen Teilen sind auf dem Konzertflügel unmöglich leiser zu realisieren. Würde anderseits die Violine den Ton forcieren, ginge der Charakter, die Zartheit des Werks verloren. Für eine Aufnahme kann der Akustiker dies elektronisch korrigieren, im Konzert sehe ich allerdings als einzige Lösung die Verwendung eines historischen Fortepianos, dessen singende Qualitäten und farbenreicher Ton das Werk zusätzlich bereichern würden. Schade, so sehr es ein Vergnügen war, dem Pianisten zuzuhören: der Klavierpart war zu erdrückend.

József Balog und Ildikó Komlósi © Andrea Felvégi
József Balog und Ildikó Komlósi
© Andrea Felvégi

Es folgten die Nummern 1–4, 6, 8, 10, und 14–16 aus Énekszó, einem Zyklus von 16 meist kurzen, ungarischen Volksliedern, dem Op.1 von Kodály.  Hier sang wie schon am Vorabend die Mezzosopranistin Ildikó Komlósi, diesmal (wiederum kompetent) begleitet von József Balog am Flügel. Die Lieder sind sehr lebendig, teils dramatisch, aber allesamt weniger tiefgründig und komplex als typische deutsche Kunstlieder. Das Vibrato der Sängerin war über Nacht nicht weniger geworden, passte jedoch zur Natur dieser Kompositionen: abgesehen von der helleren Sprachfärbung erinnerte mich vieles an Vorträge von Liedern russischer Komponisten.

Nach der Pause erhielten wir eine Überraschung: der Obertonsänger Gareth Lubbe präsentierte eine Eigenkomposition für seine „zwei Stimmen“, vom Cellisten László Fenyö einfühlsam zum Trio ergänzt – eine erstaunliche Kunst und Fähigkeit, die Kopfresonanzen so zu verstärken, dass sie den Grundton oft gar übertönen, dabei virtuose Naturtonmelodien bilden!

Der Zyklus Ma mère l'Oye (Mutter Gans) von Ravel, für Klavier zu vier Händen, wurde präsentiert von Shai Wosner und József Balog. Es sind fünf einfache Märchenszenen, von Dornröschen und Däumelinchen bis zu Die Schöne und das Biest. Ravel hat den Orchestersatz selbst für zwei Klaviere arrangiert, eine Reduktion auf Klavier zu vier Händen ist problemlos möglich. Die technisch anspruchslosen Stücke wurden sehr einfühlsam und stimmungsvoll interpretiert. Besonders gefielen mir die Gamelan-Atmosphäre der Laideronnette, das Spiel von Bedrohung durch das Biest in den Bass-Figuren und die Angst im Diskant, sowie der bezaubernde Feengarten, der eine wahre Farbenpracht, fast ein Feuerwerk entwickelt.

Kelemen Quartet © Andrea Felvégi
Kelemen Quartet
© Andrea Felvégi

Der Höhepunkt des Abends war für mich das letzte Werk, das erste der Razumovsky-Quartette von Beethoven, gespielt vom Kelemen Quartet (Barnabás Kelemen, Katalin Kokas, Gábor Homoki, und László Fenyö). Von Beginn an gefiel mir die leichte Artikulation, der weiche, nie schrille Ton, die ausgezeichnete, sprechende Agogik und Dynamik, die perfekte Koordination – mehr noch: wie das Ensemble aus einem Geist, mit einer Seele agierte. Besonders gefielen mir die Duette der Violinen, sowie die perfekt ineinandergreifenden Sechzehntelmotive. Genauso hervorragend das Allegretto vivace e sempre scherzando mit dem Unterschied, dass hier keineswegs Uniformität herrschte: zu Beginn stellen sich die Stimmen einzeln vor – und jede brachte anfangs ihr persönliches Temperament ein. Im Verlauf des Satzes fanden die Charaktere dann zur Synthese. Katalina Kokas an der zweiten Violine schien oft die treibende Kraft zu sein. Bei einem schnellen Grundtempo erlaubte sich das Ensemble zwischendurch dramatische Beschleunigungen, die beinahe der ungarischen Volksmusik entlehnt schienen. Wiederum war die Ablösung der Stimmen, das Wechselspiel der Motive perfekt. Im Adagio molto e mesto agierten die Musiker wieder wie mit einer Seele, alle gleichermaßen und gleichberechtigt an der Gestaltung beteiligt: ein langer Satz, hier gänzlich ohne Längen! Das Finale mit dem Thème russe ist technisch eine ausserordentliche Herausforderung, zumal beim gewählten, anspruchsvollen Tempo. Wieder glänzte das Quartett mit ausgezeichneter Koordination, selbst über die Beschleunigungen und die Tempostraffung gegen den teuflisch schwierigen Schluss hin.

Nachzutragen bleibt noch, dass sowohl der Charakter der Instrumente, wie auch die Tongebung der Musiker ausgezeichnet abgestimmt waren. Das Ziel war nicht der perfekte Klang, sondern der Ausdruck, die Intensität von Beethovens Musik. Hier präsentierte sich ein Ensemble der Weltspitzenklasse!

 

Rolf Kyburz' Pressetrip wurde von der Festival Academy Budapest gesponsert