Die Kombination von Patricia Kopatchinskaja und der Camerata Salzburg unter ihrem Dirigenten Louis Langrée gab mir im Vorfeld Rätsel auf. Auf der einen Seite eine junge Geigerin, bekannt für ihre Wildheit und Ungebremstheit, auf der anderen Seite die Spezialisierung des Orchesters auf Mozart. Würden die beiden in Dialog treten und einen musikalischen Austausch eingehen können? Kann sich hier Harmonie einstellen? Meine Zweifel sollten an diesem Abend in eindrucksvoller Weise zerstreut werden.

Camerata Salzburg © Andreas Hechenberger
Camerata Salzburg
© Andreas Hechenberger

Zuerst gab es die selten gespielte 34. Symphonie von Mozart. Das Orchester begann den ersten Satz sehr stürmisch, äußerst schnell. So kennt man die Camerata eigentlich nicht. Dadurch gingen die tänzerischen Anteile der Musik etwas verloren, außerdem fielen mir sehr unterschiedliche Dynamikverläufe auf. Einmal wurde ein Crescendo bedacht und dramatisch inszeniert, und im nächsten Moment eine eigentlich niedliche kleine Zwischenmelodie sehr beiläufig gespielt. Das änderte sich jedoch im zweiten Satz.

Hier fand das Orchester zu seinen originalen Stärken, zeigte dieses bewusste, kurze Innehalten vor Melodien oder Abschnitten. Dadurch entstand Spannung und die Frage: Was kommt wohl als nächstes? Es folgten bewusst erlebbare Phrasierungen, der letzte Satz war dann schön energiereich und kräftig gespielt, wenn auch sehr schnell. Brillieren konnten hier die Bläser; sie thronten warm und voll über dem Streicherteppich, die Töne ruhig und präzise gesetzt, und machten eine wichtige Rolle der Bläser bei Mozart deutlich und erfahrbar.

Es folgte der Auftritt der Solistin, der aktuellen Residenzkünstlerin der Elbphilharmonie Konzerte. Da stand sie nun, Patricia Kopatchinskaja, barfuß und mit einer klaren Aura der Entschlossenheit. Sie spielte die zerbrechlichen Töne am Anfang von Prokofjews Zweitem Violinkonzert seidig und leicht, und sie vermochte perfekt auch den Konzertraum zu nutzen und die Töne klar über das Publikum zu stellen. Kopatchinskaja bewegte sich auf der Bühne, ging Schritte auf das Orchester zu, stellte Kontakt her und spielte direkt zusammen mit den Musikern. Dann wendete sie sich dem Publikum zu, suchte Blickkontakte, um schließlich auch immer wieder auf den Dirigenten einzugehen. Das war lebendiges Musizieren frei von starren Normen.

Louis Langrée nahm sich nun stark zurück und überließ es weitgehend dem Orchester, in Interaktion mit der Solistin den Vortrag zu gestalten. Die schnellen Toncluster in der Mitte des ersten Satzes strich sie hart, fast kratzend an. An lauten Stellen lockte sie auf diese Weise manchmal fast kreischende, sägende Geräusche aus ihrem Instrument, das sie mit hypnotischem Blick fixierte. Spannend wurde es dann wieder gegen Ende des ersten Satzes, wo sie einige Pizzicati bemüht akzentuierte und dabei in stimmungsvollem Einklang mit dem Orchester fast etwas Opernatmosphäre erzeugte.

Patricia Kopatchinskaja © Marco Borggreve
Patricia Kopatchinskaja
© Marco Borggreve
Es war erstaunlich, wie gut Patricia Kopatchinskaja und das Orchester harmonierten. Mit blindem Verständnis gingen sie Seite an Seite durch die verschlungenen Stimmungspfade dieses Konzerts, hinüber in den berühmten zweiten Satz. In den vielen Unisonomelodien verschmolzen Solistin und Orchester zu perfekten Klangobjekten innerhalb der Musik und spielten die vielen markanten Melodiebögen elegisch aus. Auch im dritten Satz gab immer wieder die Stellen, an denen unisono eindrucksvoll Akzente gesetzt werden. Das Orchester spielte zudem tieffrequente Teile sehr dumpf, fast grollend. Die Musiker konzentrierten sich darauf, die Bedrohlichkeit dieser Passagen aufzubauen; Pauke und Bässe spielten sich schön in den Vordergrund. Einzig das höher klingende Schlagwerk hätte manchmal etwas präziser gespielt werden können.

Nach der Pause hörten wir Ravels Rhapsodie Tzigane, für Kopatchinskaja ein Paradestück. Dieses schwierige und viel gespielte Werk konnte sie so lebendig werden lassen, dass jeder im Saal gebannt zuhörte und zusah, den Dirigenten eingeschlossen. Den Soloteil spielte die Geigerin für sich, blieb in ihrem kleinen Kosmos und schickte die Töne in unterschiedlichster und sehr variabler Phrasierung über die Köpfe der Zuhörer hinweg. Sie traf die perfekte Mischung aus leichten, fast unsichtbaren Tönen und schwelgenden Melodien, die sie voll und in Einzeltönen sehr greifbar intonierte.

Dann kam das Orchester dazu, spielte gerade die marschähnlichen Teile mit runden und ausgewogenen Klangfarben und zeigte sich äußerst sattelfest in der spätromantischen Epoche. Auch hier trat der Dirigent wieder in den Hintergrund, zugunsten des Zusammenspiels von Geige und Orchester. Am Ende des Stücks ging dann dermaßen das Temperament mit der Solistin durch, dass das Orchester Mühe hatte, zu folgen. Doch das fiel kaum auf, da auch der Hörer mitgerissen wurde von den Emotionen des Vortrags.

Bleibt zu guter Letzt Mozarts Jupiter-Symphonie. Das Orchester begann den ersten Satz furios und begeistert; Langrée steuerte die Musiker beherzt durch die Stimmungen und Emotionen der Musik, eindrucksvoll malte er selbige in die Luft der Laeiszhalle. Einzig die Bläser hätten hier noch etwas präziser agieren können. In den schnelleren Schlusssätzen war Kopatchinskaja wieder voll in ihrem Element und bewegte sich heftig im Rhythmus der Musik mit.

Nach dem Schlussapplaus bot der spielfreudige Dirigent noch zwei Zugaben die vom Publikum leider am Ende etwas ungeduldig aufgenommen wurden. Das war ein langer, eindrucksvoller Konzertabend der nur schwer noch besser hätte sein können.