Mittelpunkt und Motto dieses Konzerts der Camerata Zürich war die 1978 entstandene, knapp viertelstündige Komposition Erscheinung von Wolfgang Rihm , in den Kontext der Musik um 1800 gestellt. Die Aufführung im kleinen Tonhallesaal wurde eröffnet mit der Streichersonate Nr. 1 in G-Dur von Rossini, einem Jugendwerk für zwei Violinen, Cello und Kontrabass. Es ist eine eingängige Komposition mit einem gewissen „Ohrwurm-Potenzial“, hier mit leichter Artikulation und erfreulich wenig Vibrato intoniert. Der Klang war transparent, in den schnellen Sätzen dominierte die Spielfreude.

Camerata Zürich © Florian Kalotay
Camerata Zürich
© Florian Kalotay

Das Orchester unter der Leitung des Konzertmeisters Igor Karško musizierte stehend, was der Präsenz der Musiker und der Lebendigkeit des Spiels sehr zuträglich war, anderseits aber zu gewissen Abstrichen bei der Intonation und der Präzision wie Koordination führte; das nahm man bei diesem Werk gerne in Kauf. Der zweite Satz (Andante) vergnügte mit seinem wohlig-humorigen Bassgebrumme; mir gefiel speziell, wie die ersten Violinen in den Takten 5 – 8 die Einwürfe nach dem Sforzato auf die Schlussnote hin entlasteten, und allgemein erfreute mich der Mut zu wirklich leisem ppp. Der Schlusssatz war sehr rasch, bei den Sechzehntelfiguren an der Grenze des Machbaren für die mehrheitlich jungen Musiker, aber Spiellust war hier wichtiger als Perfektion.

Es folgte Beethovens Duett mit zwei obligaten Augengläsern für Viola und Cello, im Duo gespielt von Hannes Bärtschi (1. Bratsche) und Thomas Demenga (künstlerischer Leiter der Camerata Zürich). Von dieser Komposition existiert nur eine Rohfassung des ersten Satzes, ein Allegro, sowie ein kaum leserlicher Entwurf zu einem Menuett und Fragmente zu einem langsamen Satz. Die Musiker beschränkten sich auf das Allegro, mit lebendiger, leichter Artikulation in aufmerksamem Zusammenspiel dargeboten. Die beiden Musiker passten klanglich ausgezeichnet zueinander, doch die kleine Besetzung mag täuschen: das Werk hat technisch durchaus seine Tücken!

1978 komponierte Wolfgang Rihm seine Erscheinung – Skizze über Schubert für neun Streicher (je drei Violinen, Bratschen und Celli). Die einsätzige Komposition beginnt unisono, mit langsam schreitender Melodik, ohne tonales Ziel; graduell verschärft und beschleunigt sich der Rhythmus, weitet sich die Dynamik, stellt sich Zwei-, dann Mehrstimmigkeit ein, hin zu dissonanten Einwürfen. Spannung entsteht, begleitet von einer gelegentlichen, unterschwelligen Nervosität. Es folgen Kanon-artige Segmente, oft mit tappender, suchender Gestik. In der Beschreibung wird ausdrücklich auf Bezüge zu Schuberts G-Dur-Streichquartett hingewiesen, die sich dem Laien vor allem in der zweiten Hälfte über die häufige Verwendung von Tremolo in allen Stimmen erschließen. Mich persönlich erinnerte das Werk ebenso sehr an Schostakowitsch, primär in der oft motorischen Rhythmik. Insgesamt faszinierende, spannende 15 Minuten Musik, nie aufdringlich oder abweisend; meine Begleitung befand: „Ein Superstück!“ – dem kann ich nur zustimmen. Das Orchester agierte konzentriert und meisterte die Komposition ausgezeichnet.

Das Schwergewicht im Programm war Schuberts Streichquartett in G-Dur, D.887. Schubert mag bei diesem Werk in orchestralen Dimensionen gedacht haben, Tatsache ist, dass das letzte seiner Quartette selbst für vier Solisten eine große Herausforderung darstellt, geschweige denn für eine vom ersten Pult geleitete Formation von 16 Streichern. Die Camerata Zürich hat aber diese Aufgabe gut gemeistert — mit Begeisterung und wachem, aufmerksamem Spiel, ohne Abstriche beim Tempo: vieles wurde im Vergleich zu Solo-Aufführungen eher rascher denn langsamer gespielt!

Der Transfer des Quartetts auf ein Streicherensemble funktionierte bemerkenswert gut: die Musik behielt ihre Dramatik, auch wenn im Vergleich zum Original die Aussage weniger direkt war, die Transparenz und die Durchhörbarkeit etwas gelitten haben. Mich beeindruckte schon die Schärfe der Fortissimo-Akkorde am Beginn des Werks. Als schwierig zu realisieren erwiesen sich die kurzen Einwürfe, bei denen die Auftakt-Note kaum wahrzunehmen war. Im Ensemble schien mehr Gewicht auf der Melodiestimme zu liegen, Pizzicati gingen manchmal unter. Anderseits fand ich die schon für ein Soloquartett schwierige Intonation erstaunlich gut, wobei die Mehrfachbesetzung zu einem gewissen Grad nivellierend wirkt.

Der erste Satz ist monumental, selbst wenn die Exposition nicht wiederholt wird; das nachfolgende Andante un poco moto ist nur anfänglich versöhnlicher. Leider gingen hier die Pralltriller in der ersten Violine verloren. Im Scherzo leistete das Orchester Erstaunliches, auch wenn die Prägnanz eines Solo-Ensembles unmöglich erreicht werden konnte und die Dynamik vor allem im Bereich des pp etwas eingeschränkt schien. Hingegen war die Cello-Gesangslinie im Trio solistisch ausgeführt und sprach die Zuhörer sehr direkt an. Der letzte Satz schließlich wurde sehr, sogar extrem schnell ausgeführt, doch lässt Schuberts Annotation „6/8, Allegro assai“ dem Interpreten wenig Spielraum, soll die Musik nicht schwerfällig wirken. Das tat sie hier sicher nicht, allerdings auf Kosten der Präzision: Manches wirkte flüchtig hingeworfen, die Koordination ließ stellenweise zu wünschen übrig. Meines Erachtens hat der Schlusssatz durch die Großbesetzung am meisten verloren. 

Es bleibt im Rückblick die Frage nach der idealen Reihenfolge der Werke: Wer mit dem Schubert-Quartett schon vertraut war, mag bedauert haben, dass dieses die Eindrücke von Rihms Erscheinung fast gänzlich vergessen machte.