"Ich lade gern mit Gäste ein". Dieser Satz gilt nicht nur für die Feste von Prinz Orlowsky in der Fledermaus, sondern auch für die aktuellen Wiener Festwochen im Musikverein und auch anderswo. Festwochen, das heißt auf verschiedenen Gebieten der Bühnenkunst auch immer Leistungsschau. Grenzüberschreiten geht es da zu, da beim zu besprechenden Konzert ein französisches Orchester, das Orchestre National du Capitole de Toulouse mit einem Wiener Chor, dem Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, die Grande Messe des Morts op. 5 für Tenor-Solo, Chor und Orchester von Hector Berlioz gestalteten.

Tugan Sokhiev © Patrice Nin
Tugan Sokhiev
© Patrice Nin

Das Mammutwerk des gerade einmal 34jährigen Komponisten ist ein Stück Musik, das man erspüren muss. Damit steht es in einer französischen Tradition von Requiem-Vertonungen. Knapp 60 Jahre vorher hatte schon einmal ein gerade erst 30jähriger ein Requiem vorgelegt, das heute fast vergessen scheint. Es handelt sich um François-Joseph Gossec, der in vielerlei Hinsicht zum heimlichen Patron Berlioz' wurde. Auch über dessen Vertonung des ewigen Totengedichts - neben dem Kaddish - lässt sich das sagen, was Berlioz über seine Komposition geschrieben hat: "Es war in der Tat von schrecklicher Großartigkeit."

Star des Abends, und dies trotz des wundervollen Auftritts von Tenor Saimir Pirgu, war der Chor. Bleibt man bei dem Bild der Leistungsschau, so kann man sagen, dass diese vor allem während der Sequenz und dort im Quaerens me geboten wurde. Sieht man einmal vom intonatorisch etwas wackligen Schlussakkord ab, bot hier der Singverein eine beachtliche Leistung. Passende Einsätze, fließende Übergänge und auch das Erzeugen der richtigen Stimmung klappten wundervoll. Trotz einer wirklich guten Performance, die der Chor während des gesamten Requiem abgab, bleibt ein Minuspunkt zu erwähnen, der leider das Bild etwas eintrübt: das Thema Einsätze. Es stellt sich oft bei ihnen die Frage ein, warum sie so ängstlich und verzagt kommen müssen? Meine Damen und Herren hier wäre mehr Mut angebracht gewesen!

Wenn man definitiv zu nicht mehr Mut auffordern musste, waren die vier Fernorchester und die Paukisten dieser Aufführung. Sieht man einmal davon ab, dass das Fernorchester hinten links mit den Tempoangaben des Dirigenten Tugan Sokhiev nicht immer d'accord gehen wollten, so waren ihre Einsätze souverän und von viel Vernügen am vollen Klang geprägt.  

Wer nicht vergessen werden darf, ist der Tenor-Solist Saimir Pirgu. Er hatte die kleine, aber undankbare Aufgabe des Sanctus-Rufes zu erfüllen, der dann den Impuls für die beiden großen Chorfugen gibt. Als positiv zu vermerken ist auf alle Fälle seine höchst saubere Intonation und seine souverän geführte Stimme. Vielleicht mag man seine Klangtechnik nicht immer zu mögen, aber das ist Jammern auf sehr, sehr hohem Niveau. Was sich auch auf diesen Niveau bewegt ist der Wunsch nach einer schweren Tenorstimme für dieses Solo. Aber es ist nun einmal so, dass viele schwerere Tenöre nicht über diese strahlende Höhe verfügen wie sie Pirgu zu eigen ist.

Bei Tugan Sokhiev spürte man in jeder Minuten - und das ist auch gut so -, dass das Orchester sein eigenes ist.  Sie präsentieren sich als organische Einheit, in welche sich auch der Singverein nahtlos einfügt. Dies führte zu einer mehr als erfolgreichen Aufführung dieser gigantischen Totenmesse.