Ein Schrottplatz irgendwo im Nirgendwo, drei langsam eintrudelnde Musiker, Alkohol und eine Frau im sexy roten Kleid in Partylaune. In der Carmen-Bearbeitung der Kammeroper Wien hält man sich nicht lange mit Ouvertüre und Chorszenen auf, sondern kommt direkt zur Sache. Kein Dirigent und kein Orchester, lediglich drei Instrumentalisten sowie vier Solisten bestreiten diese Neufassung. Dass dieses Konzept so gut funktioniert, ist dabei neben der gelungenen musikalischen Bearbeitung vor allem der umwerfenden Interpretation der Carmen durch Natalia Kawalek zu verdanken.

Viktorija Bakan (Micaëla), Thomas D. Birch (Don José), Sebastian Gürtler & Natalia Kawałek (Carmen) © Herwig Prammer | Theater an der Wien
Viktorija Bakan (Micaëla), Thomas D. Birch (Don José), Sebastian Gürtler & Natalia Kawałek (Carmen)
© Herwig Prammer | Theater an der Wien
Von der ersten Sekunde auf der Bühne an war sie nicht nur durch ihre Präsenz, sondern auch stimmlich das Zentrum der Vorstellung. Mal ließ sie ihre Stimme dunkel lodern, dann hell aufflammen und im nächsten Moment verführerisch schnurren; für jede Gefühlslage der Figur wählte sie die passende Farbe und schuf dadurch eine lebendig und echt wirkende Carmen. Beeindruckend waren nicht nur ihre satten Tiefen und warmen Höhen, sondern auch, wie geschmeidig sie ihre merlot-timbrierte Stimme zwischen den Registern fließen ließ und auch bei vollem Körpereinsatz die Kontrolle darüber behielt. Kawałeks Darstellung der freiheitsliebenden Zigeunerin bewegte sich konstant am schmalen Grat zwischen Verführung, Zurückweisung und Freiheitsdrang und blieb bei aller offensiv zur Schau gestellten Laszivität stilvoll. Von einer feurigen Habanera über ein glutvolles Zigeunerlied bis hin zur trotzig-schicksalhaften Begegnung mit Don José am Ende der Oper: Natalia Kawałek gelang einfach eine perfekte Carmen!

Nicht ganz mithalten in Sachen Stimme und Intensität konnte da der Don José von Thomas David Birch. Immer wieder stellte sich das Gefühl ein, dass es ihm schwerfiel, gleichzeitig zu schauspielern und zu singen. So entschied er sich in manchen Momenten dafür, seine Darstellung zurückzuschrauben, wodurch er stimmlich sicherer wirkte; hin und wieder nahm aber das Spiel überhand und einige Töne gerieten unsauber. Sein Timbre verfügt über einen stählernen Kern mit besonders angenehmer Mittellage; die kraftvollen Spitzentöne schleuderte Birch dem Publikum regelrecht entgegen. Ein bisschen mehr Differenziertheit hätte jedoch gar nicht geschadet; das eine oder andere Piano und ein paar Farben mehr wären wünschenswert gewesen. Zu einem Ganzen fügten sich stimmliche und darstellerische Gestaltung erst im vierten Akt, in dem er weitaus überzeugender agierte und vokal sicherer wirkte und auch mehr Gefühl durch die Stimme ausdrückte als in den Akten zuvor.

Wunderbar rein und unverdorben klingend passte Viktorija Bakans Sopran ideal zur schüchternen Micaëla. Mit herrlichen Bögen, schwebenden Tönen und inniger Phrasierung versuchte sie, José doch noch auf ihre Seite zu ziehen. Weit entfernt von innig und schüchtern war Tobias Greenhalgh als Escamillo, der testosterongeladen in einem krass grünen Anzug um Carmen buhlen durfte. Auch wenn er mit den Tiefen der Partie so seine Probleme hatte, konnte er ansonsten regelrecht verschwenderisch aus den Mitteln seiner prächtigen Stimme schöpfen und den heißblütigen Torero mit ordentlich Feuer ausstatten.

Tobias Greenhalgh (Escamillo) und Natalia Kawałek (Carmen) © Herwig Prammer | Theater an der Wien
Tobias Greenhalgh (Escamillo) und Natalia Kawałek (Carmen)
© Herwig Prammer | Theater an der Wien

Als spannend und äußerst gut funktionierend erwies sich die musikalische Neufassung von Tscho Theissing, die zwar nur mit einer Geige, einem Bass und einem Akkordeon aufwartet, aber dennoch die ganze Klangwelt von Bizets Oper aufleben ließ. Geiger Sebastian Gürtler ler sorgte für die sentimentaleren Momente, Bassist Georg Breinschmid steuerte swingend-jazzige Elemente und düstere Passagen bei und am Akkordeon unterstrich Tommaso Huber die ganze Seelentiefe der handelnden Figuren. Das Zusammenspiel der drei Musiker und der Gesangssolisten harmonierte ideal und ermöglichte einen völlig neuen, weniger folkloristischen Blick auf Bizets Musik. Beschränkt auf die Arien bzw. Duette der Hauptfiguren unterstützte die Neufassung auch die Konzentration auf die Essenz der Geschichte. Einige Übergänge mussten durch die gekürzte Handlung natürlich verändert werden, um Flüssigkeit zu garantieren, was jedoch in keiner Weise störend war, da Theissings Bearbeitung nie bloß wie ein „Best of Carmen“ wirkte, sondern klar eine eigenständige, kohärente Fassung ist.

Auch Regisseur Andreas Zimmermann musste, um Kohärenz herzustellen, einige Bearbeitungen vornehmen; So attackiert Carmen beispielsweise im ersten Akt mangels Fabrikkolleginnen Micaëla, damit ihre im Libretto festgeschriebene Verhaftung Sinn ergibt. Obwohl er die Handlung fallweise kürzte bzw. modifizierte – so sah man etwa nach der Pause eine von José schwangere Carmen – und in eine trostlose Umgebung der Gegenwart verlegte, wirkte die Erzählung zu jeder Zeit stimmig sowie schlüssig und lieferte ausdrucksstarke, tarantinoeske Bilder.

Die Kammeroper beweist mit dieser Bearbeitung von Bizets Klassiker Mut zu völlig neuen Zugängen bezüglich der musikalischen Fassung und der erzählten Handlung und hat in Natalia Kawałek eine ideale Carmen gefunden – so spannend kann lebendiges Musiktheater sein!

Thomas David Birch (Don José) und Natalia Kawałek (Carmen) © Herwig Prammer | Theater an der Wien
Thomas David Birch (Don José) und Natalia Kawałek (Carmen)
© Herwig Prammer | Theater an der Wien